Siebdruck-Porträt von Pierre Ramus

1882–1942 · Österreich

Pierre Ramus

Gewaltfreier Anarchist aus Wien

2 Minuten Lesezeit

Ende 1902 stand ein zwanzigjähriger Wiener in New Jersey vor Gericht. Rudolf Großmann hatte beim Streik der Seidenweber von Paterson eine führende Rolle gespielt und wurde wegen Anstiftung verurteilt, gemeinsam mit dem Anarchisten William MacQueen. Das Urteil lautete auf fünf Jahre Haft. Ein anarchistischer Weinhändler stellte eine hohe Kaution, und Großmann nutzte sie zur Flucht nach England. Von da an nannte er sich Pierre Ramus.

Ein Schulverweis und New York

Geboren wurde er am 15. April 1882 in Wien als Sohn eines Kaufmanns. Weil er sozialistische Propaganda trieb, flog er vom Gymnasium. 1895 ging er, noch als Jugendlicher, zu Verwandten nach New York.

In New York schloss er sich dem linken Flügel der sozialistischen Bewegung an und gründete mit achtzehn Jahren die Zeitschrift „Der Zeitgeist“. Unter dem Einfluss von Johann Most und Emma Goldman wurde er Anarchist und schrieb bis 1904 für Mosts „Freiheit“. Nach der Verurteilung floh er 1903 nach London, wo er für englische, jiddische und deutsche Arbeiterblätter schrieb. Kropotkin sah er als seinen Lehrer an, mit Rudolf Rocker war er befreundet.

Wien ab 1907

1907 ließ er sich wieder in Österreich nieder und reiste im selben Jahr als Delegierter zum Internationalen Anarchistenkongress nach Amsterdam. Bis Kriegsbeginn gab er die Zeitschrift „Wohlstand für Alle“ heraus, von 1910 bis 1914 dazu das „Jahrbuch der Freien Generation“. Vortragsreisen führten ihn nach Böhmen, Deutschland, England, Frankreich und in die Schweiz, während er in Wien eine kleine und zerstrittene Bewegung neu zu sammeln versuchte.

Im Ersten Weltkrieg war der Kriegsgegner ein Fall für die Behörden. Er wurde zweimal verhaftet, doch die Anklagen wegen Hochverrats und Spionage hielten nicht. Danach war er in seinem Haus in Klosterneuburg interniert. Seine Erfahrungen verarbeitete er 1924 in dem Roman „Friedenskrieger des Hinterlandes“. Seit 1916 war er mit der Anarchistin Sophie (Sonja) Friedmann verheiratet, die er in London kennengelernt hatte.

Der Bund

Nach Kriegsende baute er den Bund herrschaftsloser Sozialisten auf, gegründet 1918 oder 1919, die Angaben gehen auseinander. Die Zeitschrift des Bundes hieß „Erkenntnis und Befreiung“, ab 1927 „Der Anarchist“. Wie groß er war, ist umstritten. Die Schätzungen reichen von etwa 2000 Anhänger:innen bis zu rund 4000 Mitgliedern in 60 bis 70 Ortsgruppen um 1925.

Der Bund warb für Siedlungsgenossenschaften, freie Schulen und Kriegsdienstverweigerung, und Ramus selbst wandte sich immer stärker dem gewaltfreien Denken Tolstois zu. 1919 erschien seine Polemik „Die Irrlehre und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus im Bereich des Sozialismus“, 1921 „Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus“. Als eigenständiger Theoretiker gilt er nicht, eher als belesener Propagandist, der aus vielen Richtungen schöpfte.

Zerbrochen ist der Bund auch an Ramus selbst. Ab 1931 warfen ihm immer mehr Grazer Mitglieder Personenkult und Führungsanspruch vor. Zugleich warb er für die Vasektomie als Mittel der Geburtenkontrolle und wollte pro Eingriff 175 bis 200 Schilling für die Propaganda verlangen, was den Grazer Anarchist:innen viel zu viel war. Am 28. August 1932 entdeckte die Polizei am Grazer Griesplatz eine geheime Klinik, die zu einem Netz von Vasektomie-Kliniken des Bundes in Graz, Wien, Wiener Neustadt und Linz gehörte.

Das Landesgericht Graz sprach 1933 alle 21 Angeklagten frei. Im Mai 1934, nun unter der Diktatur, verhandelte der Oberste Gerichtshof in Wien den Fall neu und verurteilte Ramus zu vierzehn Monaten schwerem Kerker, andere Angaben nennen zehn Monate. Niemand dürfe frei über seinen Körper verfügen, wenn er damit ein öffentliches Interesse verletze, hieß es im Urteil.

Flucht 1938

Nach dem „Anschluss“ 1938 verließ er Österreich und floh über die Schweiz nach Frankreich, wo man ihn internierte. Über Spanien gelangte er nach Marokko und schiffte sich von dort nach Mexiko ein. Am 27. Mai 1942 starb er auf See. Die Behörden gaben einen Herzinfarkt als Ursache an.

Auf einen Blick

Geboren
15. April 1882 in Wien (eigentlich Rudolf Großmann)
Gestorben
27. Mai 1942 auf See, auf der Überfahrt von Marokko nach Mexiko
Stationen
New York, London, ab 1907 Wien und Klosterneuburg
Zeitschriften
„Wohlstand für Alle“, „Erkenntnis und Befreiung“ (ab 1927 „Der Anarchist“)
Wichtige Schriften
„Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus“ (1921), „Friedenskrieger des Hinterlandes“ (1924)

Selbst lesen

Quellen