Porträt · Österreich

Pierre Ramus und der österreichische Anarchismus

Ein Wiener Gymnasiast, der zum bekanntesten Anarchisten Österreichs wurde: Rudolf Großmann gab sich den Namen Pierre Ramus und kämpfte ein Leben lang für eine Welt ohne Krieg und ohne Herrschaft – mit dem Wort als Waffe.

Wenn vom Anarchismus die Rede ist, denken viele an Russland, Spanien oder Frankreich. Dass auch Österreich eine eigene, lebendige anarchistische Tradition besitzt, ist weniger bekannt – und sie hat einen Namen: Pierre Ramus. Hinter dem französisch klingenden Pseudonym verbarg sich ein Wiener namens Rudolf Großmann, geboren 1882, gestorben 1942 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Zwischen diesen beiden Daten liegt ein Leben, das sich kaum zähmen ließ: voller Reisen, Reden, Zeitschriften und einer Überzeugung, die er bis zuletzt nicht verriet – dass Freiheit und Gewaltlosigkeit zusammengehören.

Signiertes Porträtfoto von Pierre Ramus (Rudolf Großmann), 1924
Pierre Ramus (Rudolf Großmann), 1924.Foto: unbekannt, gemeinfrei · Wikimedia Commons

Vom Wiener Bürgersohn zum Weltbürger

Rudolf Großmann wuchs in einem bürgerlichen Wiener Elternhaus auf. Schon als junger Mann zog es ihn hinaus in die Welt: in die Vereinigten Staaten, nach Großbritannien, nach Frankreich. In den anarchistischen Milieus von New York und London lernte er die Bewegung von innen kennen, schrieb für ihre Zeitungen und schliff seine Sprache. Hier legte er sich auch den Namen Pierre Ramus zu – ein Klangbild der internationalen Idee, der er sich verschrieben hatte.

Diese Wanderjahre prägten ihn. Großmann verstand den Anarchismus nie als nationale Angelegenheit, sondern als eine Bewegung über alle Grenzen hinweg. Als er nach Wien zurückkehrte, brachte er diese Weite mit – und ein klares Programm: Bildung statt Befehl, Überzeugung statt Zwang, Frieden statt Gewalt.

Der Pazifist mit dem schärfsten Wort

Ramus war vor allem eines: ein unbeirrbarer Antimilitarist. In einer Zeit, in der ganz Europa auf den Ersten Weltkrieg zusteuerte und kurz darauf in ihm versank, gehörte er zu den wenigen Stimmen, die den Krieg ohne Wenn und Aber ablehnten. Für ihn war der Militarismus die reinste Form der Herrschaft: Menschen, die lernten zu gehorchen, bis sie bereit waren, einander zu töten. Wer den Krieg überwinden wolle, müsse zuerst den Gehorsam überwinden.

Damit stellte er sich gegen jenen Teil der anarchistischen Bewegung, der die „Propaganda der Tat" – das Attentat – für ein legitimes Mittel hielt. Ramus widersprach entschieden. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, so seine feste Überzeugung, lässt sich nicht mit Bomben erzwingen, sondern nur durch Aufklärung, Selbstorganisation und die Kraft des Beispiels aufbauen. Gewaltfreiheit war für ihn kein taktisches Zugeständnis, sondern der Kern der Sache.

Der Militarismus ist die Schule des Gehorsams. Wer Frieden will, muss die Menschen lehren, aufrecht zu stehen – nicht zu marschieren. Im Geiste von Pierre Ramus, sinngemäß zusammengefasst

Der „Bund herrschaftsloser Sozialisten"

Ramus blieb nicht beim geschriebenen Wort. Aus seinen Schriften und Vorträgen erwuchs eine Organisation, die er prägte wie kein Zweiter: der Bund herrschaftsloser Sozialisten. Der Name war Programm. „Herrschaftslos" – also ohne Herrschaft, im wörtlichen Sinn von An-archie – und zugleich „sozialistisch", weil es um eine Gesellschaft der Gleichen ging, in der niemand vom anderen lebt.

In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren wuchs der Bund zu einer beachtlichen Bewegung. Rund 60 Ortsgruppen und etwa 4.000 Mitglieder zählte er auf seinem Höhepunkt – getragen von Arbeiterinnen und Arbeitern, Handwerkern, Lehrenden und jungen Leuten, die sich nach einem Leben jenseits von Kaserne und Kommando sehnten. Vortragsabende, Zeitschriften wie Erkenntnis und Befreiung, Lesekreise und Bildungsarbeit bildeten das Rückgrat. Es war ein Anarchismus des Alltags: praktisch, geduldig, gemeinschaftlich.

Auf einen Blick

Geboren
1882 in Wien (als Rudolf Großmann)
Gestorben
1942 auf der Flucht ins Exil
Idee
Gewaltfreier Anarchismus, Antimilitarismus, herrschaftsloser Sozialismus
Organisation
Bund herrschaftsloser Sozialisten (~60 Ortsgruppen, ~4.000 Mitglieder)
Stichwort
Aufklärung statt Attentat – Frieden als Weg und Ziel

Verfolgung, Exil und ein offenes Ende

Die Geschichte des Bundes ist auch die Geschichte seiner Zerschlagung. Mit dem Aufstieg des Austrofaschismus ab 1933/34 wurde der politische Raum in Österreich enger und enger. Versammlungen wurden verboten, Zeitschriften unterdrückt, freie politische Betätigung kriminalisiert. Ramus, der zeitlebens für die Freiheit des Wortes eingetreten war, geriet ins Visier der Behörden.

Mit dem „Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 wurde aus Bedrängnis Lebensgefahr. Als jüdischer Anarchist und erklärter Kriegsgegner verkörperte Ramus alles, was das NS-Regime auslöschen wollte. Er floh – wie so viele – und starb 1942 im Exil, fern der Stadt, die seine Heimat gewesen war. Sein Bund war zu diesem Zeitpunkt längst zerschlagen, seine Schriften verboten, seine Weggefährtinnen und Weggefährten verstreut, inhaftiert oder ermordet.

Es wäre leicht, hier eine Geschichte des Scheiterns zu erzählen. Doch das griffe zu kurz. Was Ramus aufbaute, wurde mit Gewalt von außen zerstört – nicht von innen widerlegt. Seine Idee, dass eine freie Gesellschaft ohne Krieg und ohne Herrschaft denkbar ist, überlebte ihre gewaltsame Unterdrückung.

Warum Ramus heute noch wichtig ist

Pierre Ramus zeigt, dass der Anarchismus kein Import ist, sondern auch in Österreich tiefe Wurzeln hat. Vor allem aber steht er für eine Strömung, die bis heute trägt: den gewaltfreien Anarchismus. Die Verbindung von radikaler Herrschaftskritik und konsequenter Friedfertigkeit, die er vorlebte, findet sich später in der Graswurzelbewegung wieder, in zivilem Ungehorsam, in den vielen kleinen Strukturen gegenseitiger Hilfe, die sich heute Tag für Tag organisieren.

Seine Botschaft ist erstaunlich aktuell: Freiheit lässt sich nicht befehlen, und Frieden lässt sich nicht erzwingen. Beide wachsen von unten – aus Menschen, die einander auf Augenhöhe begegnen. Wer das Wien der Zwischenkriegszeit nach Spuren der Hoffnung absucht, wird bei Pierre Ramus fündig. Und vielleicht ist das die schönste Form, ihn zu ehren: indem man seine Idee weiterdenkt, statt sie nur zu erinnern.

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