Was ist Anarchismus?

Eine Gesellschaft ohne Herrschaft, aber nicht ohne Ordnung. Hier findest du in wenigen Minuten, was hinter dem Wort steckt, worauf die Idee aufbaut und wie ein Zusammenleben ohne Chefs und Staat funktionieren könnte.

In einem Satz

Anarchismus ist die Idee, dass Menschen ihr Leben frei und gemeinsam regeln können, ohne dass jemand über sie herrscht.

Es gibt keine fertige Bauanleitung, eher eine Haltung: Macht über andere ist nicht selbstverständlich und muss sich rechtfertigen. Wo sie das nicht kann, gehört sie abgeschafft.

Das Wort

„Anarchie“ heißt nicht „ohne Ordnung“.

Der Begriff kommt aus dem Altgriechischen: an-archía. Das Wörtchen an- bedeutet „ohne“, archós/arché meint „Herrscher“ bzw. „Herrschaft“.

Wörtlich also: „ohne Herrscher“. Und genau das ist gemeint. Gemeint ist das Fehlen von Befehlsgewalt, Regeln und Verlässlichkeit bleiben. Anarchist:innen wollen Ordnung, nur eben eine, auf die sich die Beteiligten selbst einigen.

an-  =  ohne archós  =  Herrscher, Anführer = an-archía  =  ohne Herrschaft

an·archía

„Ordnung ohne Herrschaft“: Das war schon für Proudhon kein Widerspruch, sondern das ganze Programm.

Mythen-Check

„Anarchie“ ist zum Schimpfwort geworden. Hier räumen wir ruhig und sachlich mit den häufigsten Missverständnissen auf. Tipp dich durch.

Du willst tiefer einsteigen? Lies „Anarchie ist Ordnung“ oder „Anarchismus und Recht“.

Das Gegenteil ist gemeint.

An-archía heißt „ohne Herrscher“, nicht „ohne Ordnung“. Anarchist:innen wollen sehr wohl eine geordnete Gesellschaft, nur eben eine, die von unten ausgehandelt statt von oben befohlen wird. Verlässliche Absprachen, Hilfsnetze und gemeinsame Regeln gehören selbstverständlich dazu. Chaos entsteht eher dort, wo wenige über viele bestimmen und ihre Macht verteidigen.

Die drei Säulen

So unterschiedlich die Strömungen sind, drei Überzeugungen teilen sie fast alle.

Säule 1

Freiheit

Jeder Mensch soll selbst über sein Leben bestimmen können. Freiheit endet nicht an der Freiheit der anderen. Sie braucht sie.

Anarchistische Freiheit ist keine Ellenbogen-Freiheit „auf Kosten der anderen“. Sie meint: niemand wird kommandiert, niemand muss gehorchen, weil ein anderer mächtiger ist. Frei bin ich erst dann wirklich, wenn es auch alle um mich herum sind.

  • Selbstbestimmung statt Befehl und Gehorsam
  • Freiwilligkeit statt Zwang
  • Würde und gleiche Rechte für alle
Säule 2

Solidarität & Gleichheit

Freiheit für wenige ist Vorrecht. Erst gleiche Bedingungen machen sie für alle wirklich. Darum gehören Freiheit und Gleichheit zusammen.

Wer hungert, ist nicht frei. Wer abhängig ist, kann nicht auf Augenhöhe verhandeln. Anarchist:innen wollen darum neben der politischen auch die wirtschaftliche Herrschaft beenden: keine Bosse, keine Ausbeutung, kein Oben und Unten.

Bakunin auf den Punkt

„Die Freiheit ohne den Sozialismus ist Vorrecht und Ungerechtigkeit; der Sozialismus ohne die Freiheit ist Sklaverei und Brutalität.“
Säule 3

Gegenseitige Hilfe

Menschen kommen weiter, wenn sie zusammenhalten. Ohne Kooperation käme keine Gesellschaft aus.

Der Geograph Pjotr Kropotkin zeigte, dass in Natur und Geschichte neben dem „Kampf jeder gegen jeden“ auch die gegenseitige Hilfe wirkt, als Faktor des Überlebens und des Fortschritts. Aus dieser Einsicht wächst Selbstorganisation: frei zusammengeschlossene Gruppen, die sich föderal verbinden.

  • Zusammenarbeit statt Konkurrenz als Grundlage
  • Hilfsnetze, Genossenschaften, freie Vereine
  • Verbunden durch Absprachen statt durch Befehle

Mehr über Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“

Wie würde das funktionieren?

„Schön und gut, aber wer macht dann was?“ Eine berechtigte Frage. Hier sind die wichtigsten Werkzeuge, mit denen Anarchist:innen ein Zusammenleben ohne Herrschaft organisieren.

Selbstverwaltung

Entscheidungen werden dort getroffen, wo Menschen von ihnen betroffen sind: im Stadtteil, im Betrieb, in der Schule.

Statt einer fernen Verwaltung, die über die Köpfe hinweg bestimmt, verwalten die Beteiligten ihre Angelegenheiten selbst: in offenen Versammlungen, in denen jede Stimme zählt. Das ist anstrengender als zuzusehen, wie andere entscheiden, aber es ist ehrlicher und näher am Leben.

Versammlung

Wer mitlebt, redet mit. Beschlüsse fallen möglichst im Konsens oder mit breiter Mehrheit.

Transparenz

Alle wissen, worüber entschieden wird. Niemand sitzt im Hinterzimmer.

Das alles ist keine Theorie am Reißbrett: In Spanien 1936, in der Pariser Kommune oder in unzähligen Genossenschaften wurde es erprobt. Sieh dir die Geschichte an

Wo die Idee ausprobiert wurde

Sieh dir an, wo Menschen den Anarchismus schon ausprobiert haben, oder finde heraus, wie du selbst im Kleinen anfangen kannst.