Es begann mit einem Putsch. Am 17. und 18. Juli 1936 erhoben sich rechte Generäle gegen die gewählte Republik Spaniens. Doch in Barcelona, in Madrid und in vielen anderen Städten scheiterte ihr Aufstand – nicht an der Armee, sondern an den Arbeiter:innen. Über Nacht strömten Menschen in die Straßen, errichteten Barrikaden, stürmten Kasernen. Innerhalb weniger Tage hatten gewöhnliche Bürger:innen die Faschisten in weiten Teilen des Landes zurückgeschlagen. Und dann taten sie etwas, womit niemand gerechnet hatte: Sie behielten die Macht nicht für eine neue Regierung – sie behielten sie für sich selbst.
Möglich machte das eine Bewegung, die seit Jahrzehnten gewachsen war. Die CNT (Confederación Nacional del Trabajo), die anarchosyndikalistische Gewerkschaft, zählte 1936 rund 1,5 Millionen Mitglieder. An ihrer Seite stand die FAI (Federación Anarquista Ibérica), ein Zusammenschluss überzeugter Anarchist:innen. Gemeinsam – als CNT-FAI – hatten sie über Jahre geübt, was Selbstorganisation bedeutet: in Streikkomitees, in Bildungsvereinen, in unzähligen Versammlungen, in denen Menschen lernten, ihre Angelegenheiten ohne Chefs zu regeln.
Eine Wirtschaft in den Händen der Vielen
Was nun geschah, war eine der größten sozialen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. In Katalonien, dem industriellen Herzen Spaniens, übernahmen die Beschäftigten ihre Betriebe. Geflüchtete Eigentümer hatten ihre Fabriken zurückgelassen – die Arbeiter:innen ließen sie nicht stillstehen. Sie wählten Werkstattkomitees, organisierten den Einkauf, die Produktion, die Verteilung. In Barcelona fuhren die Straßenbahnen schon wenige Tage nach den Kämpfen wieder – betrieben von ihren eigenen Beschäftigten, die Fahrpläne und Löhne selbst festlegten und die Fahrpreise sogar senkten.
Schätzungen zufolge gingen in Katalonien rund 70 Prozent der Betriebe in Selbstverwaltung über: Textilfabriken, Bäckereien, Kinos, Krankenhäuser, Friseursalons. Ganze Branchen wurden zusammengelegt, um doppelte Arbeit zu sparen. Wo es vorher hunderte konkurrierende Werkstätten gab, koordinierten sich nun föderierte Kollektive. Nicht alles lief reibungslos – aber die Räder drehten sich, mitten im Krieg, getragen von Menschen, die zum ersten Mal über ihre eigene Arbeit bestimmten.
Das Land gehört denen, die es bestellen
Noch radikaler war der Wandel auf dem Land. Besonders in Aragón, aber auch in Teilen von Levante und Andalusien, schlossen sich tausende Dörfer zu landwirtschaftlichen Kollektiven zusammen. Bauernfamilien legten ihre Felder, Werkzeuge und Tiere zusammen und bewirtschafteten sie gemeinsam. Historiker:innen gehen von mehreren tausend solcher Kollektive aus, in denen hunderttausende Menschen lebten und arbeiteten.
Entschieden wurde in der Dorfversammlung, in der jede:r Erwachsene eine Stimme hatte. Viele Kollektive schafften das Geld ab und führten Bezugsscheine ein, mit denen sich alle versorgen konnten. Zum ersten Mal wurden Schulen für die Kinder armer Familien gebaut, Krankenstationen eingerichtet, Analphabet:innen lesen und schreiben gelehrt. Wer nicht mitmachen wollte, durfte sein Land behalten – Zwang sollte es gerade nicht geben. Die Idee war einfach und alt: Das Land gehört denen, die es bestellen.
„Wir tragen eine neue Welt in unseren Herzen. Und diese Welt wächst in dieser Minute." Buenaventura Durruti, Symbolfigur der CNT-FAI, 1936
Würde im Alltag
Die Revolution war nicht nur eine Sache von Fabriken und Feldern – sie veränderte das tägliche Leben. Frauen, die zuvor weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren, organisierten sich in Mujeres Libres („Freie Frauen"), einer anarchafeministischen Bewegung mit zehntausenden Mitgliedern. Sie kämpften für Bildung, Selbstbestimmung und gegen die doppelte Unterdrückung als Frau und als Arbeiterin. Auf den Feldern und in den Milizen standen Männer und Frauen erstmals als Gleiche nebeneinander.
Wer damals nach Barcelona kam, beschrieb eine fast unwirkliche Atmosphäre. Der englische Schriftsteller George Orwell, der als Freiwilliger kämpfte, notierte verblüfft, dass die Menschen einander mit dem vertraulichen „du" ansprachen und Trinkgeld als entwürdigend galt. „Es war ein Zustand der Dinge, für den es sich zu kämpfen lohnte", schrieb er. Plötzlich schien greifbar, was zuvor Utopie hieß: ein Leben, in dem niemand dem anderen befiehlt.
Krieg, Verrat und das tragische Ende
Doch die Revolution lebte mitten in einem Bürgerkrieg – und sie hatte mächtige Feinde, nicht nur auf der Seite Francos. Die faschistischen Truppen wurden von Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien mit Flugzeugen, Panzern und Soldaten unterstützt. Die Republik dagegen erhielt Waffen vor allem aus der stalinistischen Sowjetunion – und mit den Waffen kam der politische Druck.
Die Kommunistische Partei, gestärkt durch sowjetische Hilfe, bekämpfte die anarchistischen Kollektive erbittert. Im Mai 1937 kam es in Barcelona sogar zu offenen Straßenkämpfen zwischen revolutionären Kräften und der von Kommunisten kontrollierten Regierungsmacht. In Aragón wurden Kollektive gewaltsam aufgelöst, Anarchist:innen verfolgt und ermordet. Die Revolution wurde so von zwei Seiten zugleich erdrückt: von Francos Faschismus und vom Stalinismus im eigenen Lager.
1939 fiel die Republik endgültig. Tausende Anarchist:innen wurden erschossen oder eingesperrt, unzählige flohen ins Exil – viele direkt in die Lager des nahenden Zweiten Weltkriegs. Die Bewegung, die einmal Millionen umfasst hatte, wurde zerschlagen. Es war eine bittere Niederlage. Und doch war nichts davon vergeblich.
Warum es bis heute inspiriert
Die Spanische Revolution beweist einen einzigen, entscheidenden Satz: Es geht. Eine Wirtschaft ohne Bosse, ein Dorf ohne Grundherren, eine Stadt, die sich selbst verwaltet – all das ist keine ferne Träumerei, sondern war für Millionen Menschen über Jahre gelebter Alltag. Mitten im Krieg, unter widrigsten Bedingungen, hielten Fabriken und Felder, getragen allein von freiwilliger Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe.
Wer heute in Nachbarschaftsinitiativen, in solidarischer Landwirtschaft, in selbstverwalteten Betrieben oder Mutual-Aid-Netzwerken aktiv ist, steht in dieser Tradition. Spanien 1936 erinnert uns daran, dass Menschen sich selbst organisieren können, wenn man ihnen die Chance lässt – und dass der Mut weniger Wochen mehr verändern kann als jahrzehntelange Resignation. Die neue Welt, von der Durruti sprach, ist nicht untergegangen. Sie wartet darauf, weitergebaut zu werden.