Siebdruck-Porträt von Erich Mühsam

1878–1934 · Deutschland

Erich Mühsam

Dichter, Bohemien & Antifaschist

3 Minuten Lesezeit

Im August 1919 saß Erich Mühsam in bayerischer Festungshaft, nachdem ihn ein Gericht im Juli wegen seiner Rolle in der Münchner Räterepublik zu fünfzehn Jahren verurteilt hatte. In dieser Lage schrieb er das Gedicht „Der Gefangene“, in dem der Satz „Sich fügen heißt lügen!“ steht. Ein Jahr später erschien es in dem Band „Brennende Erde. Verse eines Kämpfers“ bei Kurt Wolff in München.

Apotheke und Bohème

Mühsam kam am 6. April 1878 in Berlin zur Welt und wuchs in Lübeck auf, wo sein Vater als Apotheker arbeitete und in der Bürgerschaft saß. 1896 musste der Sohn das Gymnasium verlassen, der Vorwurf lautete auf „sozialistische Umtriebe“. Er holte die mittlere Reife in Parchim nach, begann eine Apothekerlehre und arbeitete um 1900 als Gehilfe in Lübeck, Blomberg und Berlin.

1901 gab er den Beruf auf und lebte fortan als freier Schriftsteller in Berlin. Dort fand er Anschluss an die Dichtergruppe „Neue Gemeinschaft“ und an Gustav Landauer, der sein wichtigster politischer Freund wurde. Nach Wanderjahren zwischen Zürich, Ascona, Wien und Paris zog er 1909 nach München, wo er zu einer stadtbekannten Figur der Schwabinger Bohème wurde, befreundet mit Frank Wedekind und Heinrich Mann.

Gruppe Tat und „Kain“

Seine Leute suchte Mühsam nicht in den Gewerkschaften. Mit der „Gruppe Tat“ wollte er ab 1909 das Münchner Subproletariat für den Anarchismus gewinnen, was ihm 1910 eine Anklage wegen Geheimbündelei einbrachte. Das Verfahren endete mit Freispruch. Von 1911 bis 1914 und noch einmal 1918/19 gab er „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“ heraus, die er fast allein schrieb.

Sein Biograf Chris Hirte spricht von einem „Gefühlsanarchismus“, zusammengesetzt aus Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Landauer, dazu Stirner und Nietzsche. Im Krieg versuchte er vergeblich, einen internationalen Bund der Kriegsgegner aufzubauen, und im März 1918 wurde er für einige Wochen in Traunstein interniert.

Revolution und Haft

Am 7. November 1918 war er in München führend an der Revolution beteiligt. Er verlangte ein reines Rätesystem und gehörte während der Räterepublik dem Rat der Volksbeauftragten an, bis ihn Freikorpsleute am 13. April 1919 festnahmen. Nach dem Urteil saß er in Ebrach, Ansbach und Niederschönenfeld, und im Herbst 1919 trat er für einige Wochen der KPD bei. Am 21. Dezember 1924 kam er durch eine Amnestie frei, nach gut einem Drittel der Strafe.

In Berlin engagierte er sich in der Roten Hilfe für politische Gefangene, während er sich mit den organisierten Anarchist:innen überwarf: 1925 schloss ihn die Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands aus. Seine Zeitschrift „Fanal“ (1926–1931) warnte früh vor der NSDAP, zeigt aber auch, wie verhärtet und isoliert er inzwischen war. Zeitweise suchte er Kontakt zur KPD-Führung und sogar zum Kreis um Otto Strasser. 1928 halfen er und Rudolf Rocker den spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti und Francisco Ascaso, sich eine Zeit lang in Berlin versteckt zu halten.

Oranienburg

Goebbels hatte ihn 1932 öffentlich einen „jüdischen Wühler“ genannt. In der Nacht des Reichstagsbrands 1933 holte ihn die SA ab. Ohne Urteil kam er ins Gefängnis Lehrter Straße, ins KZ Sonnenburg, nach Plötzensee und ins Zuchthaus Brandenburg, überall begleitet von schweren Misshandlungen. Im Januar 1934 kam er ins KZ Oranienburg, wo ihn SS-Männer in der Nacht zum 10. Juli 1934 ermordeten. Die NS-Presse meldete, er habe sich erhängt.

Seine Frau Kreszentia, Tochter eines Gastwirts aus Haslach, veröffentlichte 1935 den Bericht „Der Leidensweg Erich Mühsams“. Beigesetzt wurde er am 16. Juli 1934 auf dem Waldfriedhof Dahlem.

Auf einen Blick

Geboren
6. April 1878 in Berlin
Gestorben
10. Juli 1934, ermordet im KZ Oranienburg
Zeitschriften
„Kain“ (1911–1914, 1918/19), „Fanal“ (1926–1931)
Haft
1919–1924 Festungshaft, 1933–1934 Gefängnisse und Konzentrationslager
Wichtige Schriften
„Der Revoluzzer“ (1907), „Brennende Erde“ (1920), „Judas“ (1921), „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ (1932)

Selbst lesen

Quellen