Siebdruck-Porträt von Milly Witkop

1877–1955 · Deutschland

Milly Witkop

Anarchafeministin & Syndikalistin

3 Minuten Lesezeit

Ende Mai 1898 saß Milly Witkop auf Ellis Island vor vier Beamten und einer älteren Dame. Sie war mit Rudolf Rocker aus Southampton gekommen, einen Trauschein hatten die beiden nicht. Die Dame warnte sie, ohne Gesetz könne ihr Mann sie jederzeit verlassen. Witkop fragte zurück, ob sie einen Mann, der sie nicht mehr wolle, etwa mit Hilfe des Gesetzes festhalten solle. Man bot den beiden die Einreise an, falls sie heirateten. Sie lehnten ab und fuhren zurück nach England.

Aus Slotopol ins East End

Witkop wurde 1877 in Slotopol (Zlatopol) in der heutigen Ukraine geboren, in eine jüdische Familie. Manche Quellen nennen 1878 als Geburtsjahr. Mit siebzehn ging sie 1894 allein nach London. In den Schneiderwerkstätten des East End sparte sie jeden Penny, bis sie nach drei Jahren die Eltern und drei Schwestern nachholen konnte.

Nach Rockers Erinnerung kam sie sehr religiös nach England. In den Werkstätten wurde auch am Sabbat gearbeitet, und weil Witkop sich dagegen wehrte, verlor sie mehrfach die Stelle. Über einen Kollegen kam sie zur anarchistischen Gruppe um die jiddische Zeitung „Arbeter Fraint“. Dort lernte sie um 1895 Rudolf Rocker kennen.

„Liebe ist immer frei. Wenn Liebe aufhört, frei zu sein, ist sie Prostitution.“ Auf Ellis Island 1898, überliefert in Rockers Erinnerungen · sinngemäß übersetzt

Zeitungen und Kinder

Nach der Rückkehr aus New York arbeiteten beide ab Oktober 1898 gemeinsam am „Arbeter Fraint“, ab 1900 auch an der Literaturzeitschrift „Germinal“. 1907 kam ihr Sohn Fermin zur Welt, der später Maler und Grafiker wurde. Rockers älteren Sohn Rudolf aus einer früheren Beziehung zog sie mit auf.

Im Frühjahr 1912 streikten die jüdischen Schneider im East End, zur selben Zeit die Hafenarbeiter. Als der Dockerstreik sich hinzog und die Familien hungerten, half Witkop, Hunderte Kinder der Streikenden bei jüdischen Familien unterzubringen.

Holloway und Aylesbury

Bei Kriegsbeginn 1914 richteten sie und Rocker eine Suppenküche ein. Rocker wurde im Dezember interniert, Witkop machte mit der Antikriegsarbeit weiter. Als russische Einwanderer in die britische Armee gedrängt werden sollten, beteiligte sie sich am Protest. Im Juli 1916 wurde sie in der gemeinsamen Wohnung verhaftet, ohne Anklage, und über Holloway ins Frauengefängnis Aylesbury gebracht.

Ihr Anwalt hatte ohne Rücksprache eine Erklärung eingereicht, die sie entlasten sollte. Witkop widerrief sie und bekannte sich vor dem Ausschuss offen zu ihren Genossen und zu einem Flugblatt gegen die Rekrutierung. Sie blieb bis 1918 in Haft. Danach folgte sie Rocker in die Niederlande, im November 1918 zogen sie mit Fermin nach Berlin.

Der Frauenbund

1919 traten beide der FAUD bei. 1920 gehörte Witkop zu den Gründerinnen des Frauenbunds in Berlin, am 15. Oktober 1921 entstand in Düsseldorf der Syndikalistische Frauenbund auf Reichsebene. Für dessen Beilage „Der Frauenbund“ im „Syndikalist“ schrieb sie regelmäßig.

Ihre Programmschrift „Was will der Syndikalistische Frauenbund?“ erschien 1922. Die Frau solle dem Mann nicht nur angetraut sein, heißt es dort, sie solle Mitkämpferin und Gesinnungsgenossin werden. Witkop setzte auf den organisierten Boykott der Konsumentinnen als Ergänzung zum Streik und wandte sich an Frauen, die nicht in Fabriken arbeiteten. 1921 nannte sie die sexuelle Frage die wichtigste Aufgabe des Bundes, forderte Zugang zu Verhütung und warb für einen Gebärstreik.

Nach dem Reichstagsbrand 1933 flohen Witkop und Rocker in die USA. Sie starb am 23. November 1955 nach monatelanger Krankheit in einem Krankenhaus und wurde auf eigenen Wunsch eingeäschert.

Auf einen Blick

Geboren
3. März 1877 in Slotopol (Zlatopol), heute Ukraine (andere Angabe: 1878)
Gestorben
23. November 1955 in den USA
Beruf
Näherin, Redakteurin
Organisationen
Arbeter-Fraint-Gruppe (London), FAUD, Syndikalistischer Frauenbund
Wichtige Schrift
Was will der Syndikalistische Frauenbund? (Berlin 1922)

Quellen