Im Frühjahr 1912 standen im Londoner West End rund 1500 Schneider im Streik, während ihre Arbeit heimlich in die Werkstätten des East End wanderte. Rudolf Rocker rief im „Arbeter Fraint“ dazu auf, das Sweatshop-System ganz abzuschaffen. So hießen die kleinen, engen Werkstätten, in denen Zwischenmeister Aufträge der großen Schneidereien im Stücklohn ausführen ließen, bei langen Arbeitstagen und niedrigem Lohn. Mit anderen berief er eine Versammlung in der Assembly Hall an der Mile End Road ein. Über achttausend Menschen kamen, dreitausend weitere blieben draußen. Die jüdischen Schneider traten in den Ausstand und setzten sich durch. Ihr Wortführer war ein Nichtjude aus Mainz.
Waisenhaus und Werkbank
Rocker wurde am 25. März 1873 in Mainz geboren. Den Vater verlor er als kleines Kind, und als 1887 auch die Mutter starb, kam er in ein katholisches Waisenhaus, aus dem er weglief. Er fuhr als Schiffsjunge, half bei einem Klempner und einem Schneider und lernte schließlich Buchbinder.
1890 trat er in die SPD ein und flog bald wieder hinaus, weil er einen Reichstagsabgeordneten beleidigt hatte. Er ging nach Paris, wurde 1895 aus Frankreich ausgewiesen und zog nach London.
„Macht wirkt immer zerstörend, denn ihre Inhaber streben stets danach, alle Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens in das Korsett ihrer Gesetze zu schnüren.“ Nationalism and Culture, 1937 · sinngemäß übersetzt
Zwanzig Jahre East End
In London fand er seine Leser unter jüdischen Einwanderer:innen aus Osteuropa. Zuerst übersetzte ihm ein Genosse seine Artikel, so schlecht, dass Rocker fast aufgab. Er lernte stattdessen selbst Jiddisch, das damals dem Deutschen noch näher stand, und gab in Liverpool das Blatt „Dos Fraye Vort“ heraus. 1898 übernahm er die Redaktion des Londoner „Arbeter Fraint“, 1900 kam die Literaturzeitschrift „Germinal“ dazu.
Die Zeitung machte er gemeinsam mit Milly Witkop, seit 1897 seine Lebensgefährtin. Sie verband anarchistische Propaganda mit dem Kampf gegen die Ausbeutung in den Sweatshops. 1907 vertrat er die Föderation jüdischer Anarchisten auf dem internationalen Kongress in Amsterdam. Nichtjüdische Freunde verstanden später nicht, wie er so viel Einfluss gewinnen konnte. Er habe eben zwanzig Jahre unter diesen Menschen gewohnt und ihre Sorgen geteilt, schrieb er in seinen Erinnerungen.
Als der Erste Weltkrieg begann, stellte er sich gegen beide Seiten und widersprach damit offen Kropotkin, der die Alliierten unterstützte. Am 2. Dezember 1914 wurde er als feindlicher Ausländer interniert, zuletzt im Lager Alexandra Palace. 1918 schob man ihn in die Niederlande ab.
Berlin
Ende 1918 kam Rocker nach Berlin. 1919 gehörte er zu den Gründern der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) und wurde einer ihrer wichtigsten Köpfe. Nach syndikalistischem Verständnis sollte die Gewerkschaft im Alltag bessere Bedingungen erkämpfen und zugleich die Arbeiter:innen darauf vorbereiten, Produktion und Verteilung später selbst zu verwalten. 1920 nahm ihn die Polizei kurz in „Schutzhaft“ wegen „Streikhetze“. Auf dem internationalen Kongress in Berlin 1922 entstand die Internationale Arbeiter-Assoziation, Rocker wurde einer ihrer Sekretäre.
In diesen Jahren schrieb er viel: „Grundlagen des revolutionären Syndikalismus“ (1923), eine Biografie Johann Mosts (1924), eine Schrift über die Rationalisierung der Wirtschaft (1927). Sein größtes Buch war kurz vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten fertig, der Satz in Deutschland schon vorbereitet. Gedruckt wurde es dort nicht mehr.
Ein Buch ohne deutsche Ausgabe
Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh Rocker mit Witkop über London in die USA. Das Manuskript erschien zuerst 1936/37 in Barcelona auf Spanisch, 1937 in New York als „Nationalism and Culture“. Darin beschreibt er, wie Staat und Nationalismus kulturelle Entwicklungen in ihre Form zwingen.
Während des Spanischen Bürgerkriegs warb er in Amerika für die spanischen Anarchist:innen. Die letzten zwei Jahrzehnte lebte er in der Mohegan Colony bei Crompond im Staat New York. Die deutsche Fassung seines Hauptwerks kam erst 1949 heraus, unter dem Titel „Die Entscheidung des Abendlandes“. Rocker starb im September 1958 in Crompond.
Auf einen Blick
- Geboren
- 25. März 1873 in Mainz
- Gestorben
- September 1958 in Crompond, New York (Tag in den Quellen uneinheitlich: 13. oder 19.)
- Beruf
- Buchbinder
- Zeitungen
- Arbeter Fraint (ab 1898), Germinal (ab 1900)
- Wichtige Schriften
- Johann Most (1924), Nationalism and Culture (1937; dt. Die Entscheidung des Abendlandes, 1949)
Selbst lesen
Quellen
- Hans Diefenbacher: Rocker, Rudolf. Neue Deutsche Biographie 21 (2003)
- Rudolf Rocker: The London Years (Erinnerungen, mit Einleitung), The Anarchist Library
- Rudolf Rocker: Nationalism and Culture (1937), The Anarchist Library
- Nicolas Walter u. a.: Rocker, Rudolf, 1873–1958, libcom.org
- Rudolf Rocker, Biografie, Anarchy Archives (Pitzer College)