Siebdruck-Porträt von Gustav Landauer

1870–1919 · Deutschland

Gustav Landauer

Anarchist & Dichterdenker

3 Minuten Lesezeit

Am 1. Mai 1919, während Regierungstruppen die Münchner Räterepublik niederschlugen, verhafteten Soldaten Gustav Landauer im Haus von Kurt Eisners Witwe in Großhadern. Gut zwei Monate zuvor hatte er die Totenrede auf seinen ermordeten Freund Eisner gehalten. Am nächsten Tag brachte man ihn ins Gefängnis Stadelheim. Dort schlug ihn ein Major mit der Peitsche ins Gesicht, Soldaten prügelten auf ihn ein, dann fielen Schüsse. Landauer war 49 Jahre alt.

Ein Student ohne Abschluss

Landauer kam am 7. April 1870 in Karlsruhe zur Welt, als Sohn des jüdischen Kaufmanns Hermann Landauer. Er studierte Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Berlin und Straßburg. 1892 brach er das Studium ab, weil das Geld fehlte, und ein zweiter Anlauf drei Jahre später scheiterte.

Zu dieser Zeit schrieb er schon für den „Sozialist“, das Blatt des Vereins Unabhängiger Sozialisten in Berlin, dessen Redaktion er 1893 übernahm. Auf internationalen Sozialistenkongressen trat er für den anarchistischen Flügel der oppositionellen „Jungen“ auf. 1894 saß er mehrere Monate in Haft, aus der die Novelle „Arnold Himmelheber“ hervorging, 1899 und 1900 noch einmal im Gefängnis Tegel. 1892 hatte er Margarethe Leuschner geheiratet, die Ehe wurde 1903 geschieden.

„Der Staat ist ein Verhältnis, eine bestimmte Art, wie Menschen sich zueinander verhalten. Man zerstört ihn, indem man neue Beziehungen schafft, indem man sich anders zueinander verhält.“ Der Sozialist, 15. Juni 1910 · sinngemäß

Der Staat als Verhältnis

Nach 1899 zog sich Landauer eine Weile aus der Agitation zurück. Er beschäftigte sich mit Nietzsche, der Romantik und der Sprachkritik Fritz Mauthners und gab 1903 die mystischen Schriften Meister Eckharts in neuem Deutsch heraus. Im selben Jahr erschien „Skepsis und Mystik“, 1907 der Essay „Die Revolution“. 1908 gründete er den Sozialistischen Bund, und ab 1909 gab er den „Sozialist“ wieder heraus, bis das Blatt im März 1915 eingestellt wurde.

In dieser Zeitschrift stand 1910 der Satz, für den er heute meist zitiert wird. Der Staat sei kein Ding, das man umwerfen könne wie einen Tisch, schrieb er sinngemäß. Er sei ein Verhältnis zwischen Menschen und lasse sich nur zerstören, indem Menschen andere Beziehungen eingehen. Auf diesem Gedanken baute auch der „Aufruf zum Sozialismus“ von 1911 auf, sein bekanntestes Buch.

Daneben übersetzte er viel, darunter Walt Whitman, George Bernard Shaw und Rabindranath Tagore, für den „Sozialist“ auch Texte von Kropotkin, Bakunin, Tolstoi und Oscar Wilde. Seit 1903 war er mit der Lyrikerin Hedwig Lachmann verheiratet. Eng befreundet war er mit Martin Buber, mit dem er während des Ersten Weltkriegs auch dem Forte-Kreis angehörte, einem Zirkel europäischer Intellektueller, zu dem auch der Niederländer Frederik van Eeden gehörte.

Neun Tage im April

1917 zog die Familie nach Krumbach in Schwaben. Im Februar 1918 starb Hedwig Lachmann. Ein Angebot aus Düsseldorf schlug Landauer aus und folgte im November dem Ruf Kurt Eisners nach München, um an der Umgestaltung der Gesellschaft mitzuarbeiten.

Vom 7. bis 16. April 1919 war er Volksbeauftragter für Volksaufklärung in der ersten Münchner Räteregierung. Aus Protest gegen den wachsenden Einfluss der Kommunisten legte er danach alle Ämter nieder. Vor den Regierungstruppen schützte ihn das nicht.

Fünf Wochen Gefängnis

Lange stützte sich die Forschung über den Mord auf Zeitungsberichte, einen Brief Ernst Tollers und eine Denkschrift des bayerischen Justizministeriums von 1922. Erst 2019, hundert Jahre nach der Tat, fand Manfred Hennhöfer im Generallandesarchiv Karlsruhe die Akten des Freiburger Militärgerichts zum Fall.

Sie bestätigen, was Emil Julius Gumbel schon 1924 öffentlich gemacht hatte. Der Gefreite Eugen Digele gab einen von drei Schüssen auf den schwer verletzten Landauer ab und nahm dem Toten danach die Uhr ab. Am 19. März 1920 verurteilte ihn das Gericht zu fünf Wochen Gefängnis wegen gefährlicher Körperverletzung und Hehlerei, vom Totschlag sprach es ihn frei. Major Franz Freiherr von Gagern, der mit der Peitsche zugeschlagen hatte, war schon im September 1919 mit 300 Mark Geldstrafe davongekommen. Weitere Täter wurden nie ermittelt.

Auf einen Blick

Geboren
7. April 1870 in Karlsruhe
Gestorben
2. Mai 1919 im Gefängnis München-Stadelheim (ermordet)
Zeitschrift
Der Sozialist (Redaktion ab 1893, neu 1909–1915)
Wichtige Schriften
Skepsis und Mystik (1903), Die Revolution (1907), Aufruf zum Sozialismus (1911)
Räteregierung
Volksbeauftragter für Volksaufklärung, 7. bis 16. April 1919

Selbst lesen

Quellen