Mit „Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus“ legte Pierre Ramus 1921 sein wohl ehrgeizigstes Werk vor. Es ist der Versuch, den Anarchismus nicht nur als Kritik an Staat und Kapital zu begründen, sondern als positives, aufbauendes Programm zu entfalten: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, die ohne Herrschaft, ohne Zwang und ohne wirtschaftliche Ausbeutung auskommt – und wie ließe sie sich von Menschen tatsächlich verwirklichen? Schon der Titel verrät die Stoßrichtung. Es geht nicht um Zerstörung, sondern um Neuschöpfung.
Hinter dem Namen Pierre Ramus verbarg sich der Wiener Rudolf Grossmann (1882–1942), eine der prägenden Gestalten des österreichischen Anarchismus. In jungen Jahren über Johann Most und Emma Goldman zur Bewegung gestoßen, verband Ramus später die ethisch-pazifistischen Impulse Leo Tolstois mit dem kommunistischen Anarchismus Peter Kropotkins. 1919 gründete er den „Bund herrschaftsloser Sozialisten“ und gab die Zeitschrift „Erkenntnis und Befreiung“ heraus, in deren Umfeld auch dieses Buch erschien.
Die Entstehung fällt in eine außergewöhnlich aufgewühlte Zeit. Der Erste Weltkrieg hatte Europa verwüstet, die alten Monarchien waren zerbrochen, und die russische Revolution stellte für viele Linke die brennende Frage, welchen Weg eine befreite Gesellschaft einschlagen solle. Ramus schrieb sein Werk in bewusster Abgrenzung sowohl zum bürgerlichen Staat als auch zur bolschewistischen Diktatur, die er als Verrat an der Freiheit verstand. Die zweite, überarbeitete Auflage von 1923 unterstreicht, wie sehr ihm an einer gründlichen, durchdachten Darstellung lag.
Im Zentrum steht ein doppelter Gedanke. Erstens: Eine freie Gesellschaft kann nicht durch Befehl und Zwang von oben entstehen, denn Mittel und Ziel hängen untrennbar zusammen. Wer mit Gewalt und Herrschaft beginnt, wird, so Ramus, am Ende wieder bei Herrschaft landen. Zweitens: Der kommunistische Anarchismus ist nicht bloß Wunschbild, sondern lässt sich aus den realen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen ableiten – aus ihrer Fähigkeit zu freiwilliger Zusammenarbeit, gegenseitiger Hilfe und solidarischem Wirtschaften.
Ramus zeichnet die Umrisse einer Gesellschaft, in der Produktion und Verteilung nach dem Grundsatz organisiert sind, dass jeder nach seinen Kräften beiträgt und nach seinen Bedürfnissen empfängt. An die Stelle von Markt, Lohnarbeit und Staatsverwaltung treten freie Vereinigungen, Genossenschaften und föderativ verbundene Gemeinden. Eigentum als Herrschaftsmittel über andere Menschen verschwindet; an seine Stelle tritt der gemeinsame Zugang zu den Mitteln des Lebens.
Ein zweiter roter Faden ist die Frage der Gewaltlosigkeit. Anders als manche Zeitgenossen, die den bewaffneten Aufstand zum Königsweg erklärten, setzte Ramus auf die innere Wandlung der Menschen, auf Aufklärung, Erziehung und den schrittweisen Aufbau gegenkultureller Strukturen schon innerhalb der bestehenden Ordnung. Die Revolution war für ihn weniger ein einzelner Gewaltakt als ein langer Prozess der ethischen und gesellschaftlichen Umschöpfung.
Im Aufbau verbindet das Werk drei Ebenen: eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen und konkurrierenden sozialistischen Strömungen, eine grundsätzliche Begründung des anarchistischen Standpunkts und schließlich den konstruktiven Entwurf der künftigen Gesellschaft. Ramus behandelt dabei Themen wie Arbeit und Wirtschaft, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, Bildung und Kultur sowie die Organisationsformen einer staatenlosen Welt.
Die Wirkung des Buches reicht über seine Zeit hinaus. Es gilt als eines der wichtigsten Dokumente des deutschsprachigen Anarchismus zwischen den Weltkriegen und prägte den spezifisch österreichischen, gewaltfrei orientierten Zweig der Bewegung. Während der NS-Zeit wurden Ramus' Schriften unterdrückt; ihre Wiederentdeckung verdankt sich dem Engagement von Forschenden und libertären Initiativen, die sein Werk seit den späten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wieder zugänglich gemacht haben.
Für heutige Leserinnen und Leser ist das Werk vor allem dort anregend, wo es über die bloße Ablehnung von Herrschaft hinausgeht und nach tragfähigen Alternativen fragt. Debatten über Genossenschaften, Commons, solidarische Ökonomie und gewaltfreien Wandel finden hier einen frühen, durchdachten Bezugspunkt. Lohnend ist die Lektüre für alle, die sich für die Geschichte des Anarchismus, für österreichische Bewegungsgeschichte und für die Frage interessieren, wie eine freie und solidarische Gesellschaft praktisch gedacht werden kann.
Wer den Volltext sucht, findet über die Werkübersicht der deutschen Wikisource zu Pierre Ramus die bibliografischen Angaben sowie Verweise auf digitalisierte Ausgaben des Originals von 1921. Die Sprache ist die einer Zeit vor gut hundert Jahren – etwas pathetischer und ausführlicher als heute üblich –, doch der Grundgedanke bleibt klar erkennbar: dass eine andere Gesellschaft nicht erzwungen, sondern aufgebaut werden muss.
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