Im Dezember 1871 wurde eine Frau in Schwarz vor das 6. Kriegsgericht in Versailles gebracht. Nach dem Bericht der „Gazette des Tribunaux“ hob sie ihren Schleier und sah die Richter unverwandt an. Einen Anwalt hatte sie abgelehnt. Louise Michel verteidigte sich nicht, sie forderte für sich das Feld von Satory, auf dem ihre Genossen erschossen worden waren. Als der Vorsitzende ihr das Wort entziehen wollte, sagte sie sinngemäß: „Ich bin fertig. Wenn ihr keine Feiglinge seid, tötet mich.“
Eine Schule ohne Eid
Clémence-Louise Michel kam am 29. Mai 1830 in Vroncourt in der Haute-Marne zur Welt. Ihre Mutter Marianne war Dienstmagd bei der Familie Demahis, der Vater ist nicht sicher bekannt, vermutlich war es einer der Demahis. Das Mädchen wuchs bei den Großeltern im Schloss auf und wurde größtenteils zu Hause unterrichtet. In ihren Memoiren wehrte sie sich später gegen die Behauptung, man habe sie aus bloßer Mildtätigkeit aufgezogen.
Nach Kursen in Chaumont erwarb sie die Lehrbefähigung und eröffnete im Januar 1853 in Audeloncourt eine eigene, freie Schule. An einer Gemeindeschule hätte sie den Eid auf das Kaiserreich Napoleons III. leisten müssen, und genau den verweigerte sie. Später unterrichtete sie in Paris, zuerst als Hilfslehrerin in der Rue du Château-d’Eau, dann an eigenen Schulen in Montmartre. Weil das Geld knapp war, gab sie nach dem Unterricht noch Musik- und Zeichenstunden.
„Die Macht ist eben verflucht, und darum bin ich Anarchistin.“ La Commune, 1898 · eigene Übersetzung
Montmartre
Während der deutschen Belagerung von Paris 1870 leitete sie eine Schule für etwa 200 Mädchen und arbeitete im Wachsamkeitskomitee der Frauen von Montmartre mit. Als Regierungstruppen am 18. März 1871 die Kanonen der Nationalgarde von den Höhen holen wollten, schlug Michel Alarm und zog bei Tagesanbruch mit hinauf. Aus diesem Konflikt ging die Kommune hervor.
In den folgenden Wochen trug sie die Uniform des 61. Bataillons der Nationalgarde, pflegte Verwundete, organisierte Sanitäterinnen und leitete den „Club de la Révolution“. Während der Blutigen Woche stellte sie sich am 23. Mai den Versailler Truppen, weil diese ihre Mutter als Geisel festhielten.
Über die gewählten Männer der Kommune urteilte sie in ihrem Buch „La Commune“ (1898) erstaunlich nüchtern. Sie hielt sie für mutig und ehrlich, doch die Macht habe sie gelähmt, bis ihnen nur noch der Wille blieb, sich zu opfern. Genau daraus leitete sie ihren Anarchismus ab.
Die halbierte Schärpe
Das Urteil lautete auf Deportation in eine befestigte Anlage. Am 24. August 1873 legte das Gefangenenschiff nach Neukaledonien ab und kam im Dezember an. Auf der Insel unterrichtete Michel Kanak und schrieb ihre Erzählungen und Lieder auf, die 1885 als „Légendes et chants de gestes canaques“ erschienen.
1878 erhoben sich Kanak gegen die französische Kolonialherrschaft, und Michel stand auf ihrer Seite. In „La Commune“ erzählt sie von einer Sturmnacht, in der Kanak, die den Deportierten Lebensmittel brachten, an ihre Tür klopften, um sich zu verabschieden. Sie wollten durch das Meer zu den Aufständischen schwimmen. Michel besaß noch ihre rote Schärpe aus der Kommune, die sie durch alle Gefängnisse gerettet hatte, teilte sie in zwei Hälften und gab sie ihnen mit. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.
Nach der Amnestie
Am 9. November 1880 kam sie nach Paris zurück und sprach fortan auf vielen Versammlungen. 1883 verurteilte man sie nach einer Arbeitslosendemonstration wegen Anstiftung zur Plünderung zu sechs Jahren Haft, auf Grundlage einer weitgehend konstruierten Anklage. Während sie im Gefängnis saß, starb 1885 ihre Mutter, und im Januar 1886 wurde Michel begnadigt.
Am 22. Januar 1888 schoss in Le Havre ein betrunkener Mann bei einer Veranstaltung auf sie. Sie überlebte und weigerte sich, Anzeige gegen ihn zu erstatten. Von 1890 bis 1895 lebte sie in London und führte dort eine freiheitliche Schule.
Louise Michel starb am 9. Januar 1905 während einer Vortragsreise in Marseille an einer Lungenentzündung. Bei ihrer Beerdigung in Levallois-Perret bei Paris folgten mehr als 50.000 Menschen dem Sarg. Bis 1916 zog jedes Jahr ein Gedenkzug zu ihrem Grab.
Auf einen Blick
- Geboren
- 29. Mai 1830 in Vroncourt (Haute-Marne)
- Gestorben
- 9. Januar 1905 in Marseille
- Kommune
- Nationalgarde (61. Bataillon), Sanitätsdienst, Club de la Révolution
- Deportation
- 1873–1880 in Neukaledonien
- Wichtige Schriften
- Mémoires (1886), Légendes et chants de gestes canaques (1885), La Commune (1898)