Im Sommer 1876 ging ein Häftling im Hof des Gefängnishospitals von Sankt Petersburg auf und ab, in einem viel zu langen grünen Flanellmantel. Aus dem Fenster eines grauen Hauses gegenüber spielte ein Geiger eine Mazurka, das verabredete Zeichen für eine freie Straße. Pjotr Kropotkin warf den Mantel in zwei eingeübten Bewegungen ab und rannte zum Tor. Der Wachsoldat stieß mehrmals mit dem Bajonett nach ihm, schoss aber nicht, und draußen wartete eine Kutsche mit einem Freund.
Page am Hof
Kropotkin wurde 1842 in Moskau geboren, im alten Stallmeisterviertel, wie er in seinen „Memoiren eines Revolutionärs“ (1899) schreibt. Die Familie gehörte zum russischen Hochadel, der Vater war General, und den Fürstentitel gebrauchte man im Haus bei jeder Gelegenheit. Der Sohn kam ins Pagenkorps in Sankt Petersburg und diente zeitweise als persönlicher Page von Zar Alexander II.
1862 hätte ihm eine Laufbahn in der Garde offengestanden, doch er wählte die berittenen Kosaken am Amur. In Sibirien leitete er Expeditionen, unter anderem ins Gebiet von Oljokma und Witim, aus denen Arbeiten über den Gebirgsbau Ostsibiriens und über die Eiszeit hervorgingen. 1866 nahm er aus Protest gegen die Hinrichtung polnischer Gefangener seinen Abschied.
Was er dort über Befehl und Gehorsam lernte, beschrieb er später genau. Mit Kommandieren und Strafen kam man bei schwierigen Unternehmungen nicht weit, mit gemeinsamer Verständigung schon. Die Siedlerkolonien am Amur und die Lebensweise der einheimischen Völker hätten ihn mehr gelehrt als Bücher. Als ihm die Russische Geographische Gesellschaft 1871 das Amt des Sekretärs anbot, lehnte er ab.
„Ich verlor in Sibirien jeden Glauben an staatliche Disziplin, den ich vorher gehabt hatte. Ich war bereit, Anarchist zu werden.“ Memoiren eines Revolutionärs, 1899 · sinngemäß übersetzt
Eine Woche bei den Uhrmachern
1872 reiste er in die Schweiz. In Sonvilliers im Jura traf er Adhémar Schwitzguébel inmitten junger Männer, die Deckel für Gold- und Silberuhren gravierten. Am Abend kamen trotz Schneesturm etwa fünfzig Uhrmacher aus den Nachbardörfern zu einer Versammlung, manche über zehn Kilometer zu Fuß. Ihn beeindruckte, dass es in der Jura-Föderation keine Trennung zwischen Führern und Masse gab, und nach einer Woche war er, wie er schreibt, Anarchist.
Zurück in Russland agitierte er in revolutionären Zirkeln, bis er 1874 verhaftet und in der Peter-und-Paul-Festung eingesperrt wurde. Zwei Jahre später gelang die Flucht aus dem Hospital, und er ging nach Westeuropa.
Gegen Huxley
1879 gründete er die Zeitung „Le Révolté“. In Frankreich wurde er 1882 verhaftet und in Lyon zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, die er zum Teil im Zentralgefängnis Clairvaux verbüßte, einer ehemaligen Abtei. Anfang 1886 kam er frei und ließ sich in England nieder. Dort entstanden seine bekanntesten Bücher, darunter „La conquête du pain“ (1892, deutsch „Die Eroberung des Brotes“).
„Gegenseitige Hilfe“ (1902) hat eine konkrete Vorgeschichte. Der Zoologe Karl Kessler hatte 1880 in einem Vortrag behauptet, neben dem Kampf ums Dasein gebe es in der Natur ein Gesetz der gegenseitigen Hilfe. Kropotkin lernte die Idee 1883 kennen und begann, Material dazu zu sammeln. Als Thomas Huxley 1888 sein Manifest über den Kampf ums Dasein veröffentlichte, hielt Kropotkin das für eine falsche Darstellung der Natur. Seine Antwort erschien zwischen 1890 und 1896 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „The Nineteenth Century“.
Werben für den Krieg
Im Ersten Weltkrieg schlug sich Kropotkin auf die Seite der Entente, weil er Deutschland für die Hauptstütze der Reaktion in Europa hielt. 1916 unterschrieb er mit Jean Grave, Charles Malato und anderen ein Manifest, das sich gegen einen vorzeitigen Frieden wandte und den Krieg bis zum Sieg verlangte. Ein Mann, der sein Leben lang die Abschaffung von Regierungen und Armeen gefordert hatte, warb damit für die Fortsetzung eines Massensterbens.
Viele in der eigenen Bewegung hielten dagegen. Schon im Februar 1915 hatten Errico Malatesta, Emma Goldman und andere in einem Manifest den Krieg als das furchtbarste Gemetzel der Geschichte verurteilt. Auf das Manifest von 1916 antwortete Malatesta mit dem Artikel „Regierungsfreundliche Anarchisten“: Es sei verbrecherisch, irgendetwas zu tun, was den Krieg verlängere.
Rückkehr nach Russland
Nach der Februarrevolution 1917 kehrte er nach Russland zurück und lehnte einen Ministerposten ab. Die Diktatur der Bolschewiki und ihren Terror verurteilte er offen. Krank zog er nach Dmitrow bei Moskau und arbeitete dort an einer Ethik, die unvollendet blieb.
Er starb am 8. Februar 1921 an einer Lungenentzündung. Für die Beerdigung in Moskau verlangte die anarchistische Begräbniskommission, dass die inhaftierten Genossen teilnehmen durften, doch die Tscheka zögerte bis nach Mittag. Dann kamen sieben Gefangene aus ihrem inneren Gefängnis, und die Kommission musste für ihre Rückkehr in die Zellen bürgen.
Auf einen Blick
- Geboren
- 1842 in Moskau (nach heutigem Kalender 9. Dezember)
- Gestorben
- 8. Februar 1921 in Dmitrow bei Moskau
- Beruf
- Offizier, Geograph, Publizist
- Haft
- 1874–1876 Peter-und-Paul-Festung; 1882–1886 Lyon und Clairvaux
- Wichtige Schriften
- Paroles d’un révolté (1885), Die Eroberung des Brotes (1892), Memoiren eines Revolutionärs (1899), Gegenseitige Hilfe (1902)
Selbst lesen
Quellen
- Kropotkin, Pëtr Alekseevich (1842–1921), Encyclopedia of Philosophy, encyclopedia.com
- Petr Alekseevich Kropotkin, Encyclopedia of World Biography / Modern Encyclopedia of Russian History, encyclopedia.com
- P. Kropotkin, Memoirs of a Revolutionist (1899), Project Gutenberg
- P. Kropotkin, Mutual Aid: A Factor of Evolution (1902), Einleitung, Project Gutenberg
- E. Malatesta, Pro-Government Anarchists, Freedom (London), April 1916, The Anarchist Library
- A. Berkman, The Bolshevik Myth (1925), Kapitel 37, Marxists Internet Archive
- E. Malatesta u. a.: Manifesto of the Thirty-Five, Februar 1915, The Anarchist Library