Siebdruck-Porträt von Johann Most

1846–1906 · Deutschland / USA

Johann Most

Agitator & Verleger der „Freiheit“

3 Minuten Lesezeit

Emma Goldman setzte sich in die erste Reihe, unter ihrem langen grauen Umhang hielt sie eine Reitpeitsche. Als Johann Most 1892 zu seinem Vortrag aufstand, verlangte sie laut Beweise für seine Unterstellungen gegen Alexander Berkman. Most murmelte etwas von einer „hysterischen Frau“. Sie sprang auf ihn zu, schlug ihm mehrmals über Gesicht und Hals und zerbrach die Peitsche über dem Knie. So schildert sie es in „Living My Life“ (1931). Wenige Jahre zuvor war Most noch ihr Lehrer gewesen.

Ein entstelltes Gesicht

Johann Most kam am 5. Februar 1846 in Augsburg zur Welt, als uneheliches Kind. Der Vater war Kanzleischreiber, die Mutter starb, als der Junge neun war, an der Cholera. Mit dreizehn musste er sich einer Operation am Kieferknochen unterziehen, die sein Gesicht dauerhaft entstellte und seinen Wunsch, Schauspieler zu werden, beendete. Er lernte Buchbinder und zog ab 1863 als Geselle durch Mitteleuropa.

1867 schloss er sich in Le Locle im Schweizer Jura einem Arbeiterverein an, ein Jahr später in Zürich und dann in Wien. Nach einer Massenkundgebung 1869 wurde er dort 1870 wegen Hochverrats zu fünf Jahren schwerem Kerker verurteilt. In der Haft dichtete er das Lied „Wer schafft das Gold zu Tage“, das in der Arbeiterbewegung lange gesungen wurde. Nach der Amnestie 1871 wies Österreich ihn aus.

Vom Reichstag nach London

In Deutschland trat Most der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und redigierte Arbeiterblätter in Chemnitz, Mainz und Berlin. Innerhalb eines Jahres sammelte er über vierzig Strafverfahren. Im Gefängnis schrieb er „Kapital und Arbeit“ (1873), eine leicht verständliche Kurzfassung des Marxschen „Kapitals“. 1874 und 1877 wurde er in den Reichstag gewählt, doch das Sozialistengesetz beendete sein Mandat, und im Dezember 1878 musste er Berlin verlassen.

In London gab er ab 1879 die „Freiheit“ heraus, die nach Deutschland geschmuggelt wurde. Die Parteiführung wollte sich an das Gesetz halten, Most griff sie scharf an und wurde 1880 ausgeschlossen. Als 1881 Zar Alexander II. ermordet wurde, feierte er die Tat in seiner Zeitung, und ein englisches Gericht verurteilte ihn dafür zu sechzehn Monaten Zwangsarbeit.

Dynamit auf Papier

1882 ging Most mit der „Freiheit“ nach New York und half 1883, auf dem Kongress von Pittsburgh die International Working People’s Association zu gründen. Dazu kam seine Religionskritik, am bekanntesten in der Broschüre „Die Gottespest“. 1885 erschien seine „Revolutionäre Kriegswissenschaft“, ein Handbuch über Sprengstoffe und Gifte.

Nach der Hinrichtung der Haymarket-Angeklagten 1887 rückte er von der Propaganda der Tat ab. Als Berkman 1892 auf den Industriellen Henry Clay Frick schoss, verurteilte Most die Tat in seinem Artikel „Attentats-Reflexionen“ vom 27. August. Goldman nannte das einen Verrat an allem, was er bis dahin gepredigt hatte.

Aufrufe zum Töten

Die „Revolutionäre Kriegswissenschaft“ war eine Anleitung zum Töten. Schon im Februar 1884 hatte Most in der „Freiheit“ geschrieben, Mord sei die Tötung eines Menschen, ein Polizist aber sei kein Mensch, sondern ein auszurottendes Ungeheuer. Das war Hetze zum Mord. Als Hermann Stellmacher und Anton Kammerer in Österreich wegen mehrerer Morde und Raubüberfälle vor Gericht standen, feierte eine New Yorker Versammlung mit Most ihre „glorreichen Taten“. Noch 1888 forderte er die sofortige Ausrottung von Bürgertum, Adel und Klerus.

Seine Rhetorik verleitete Anhänger zu Aktionen, die mit hohen Zuchthausstrafen endeten. Leute aus seinem Umfeld zündeten Mietshäuser an, um mit dem Versicherungsgeld die Bewegung zu finanzieren. Anfang 1885 starben bei einem dieser Brände eine Mutter und zwei Kinder. Most war daran nicht beteiligt, weigerte sich aber, die Täter zu verurteilen, und verlor darüber mehrere Freunde. Er selbst beging nie eine Gewalttat, die Verantwortung für das Bild vom Anarchisten mit der Bombe trägt er trotzdem.

Die letzten Jahre

Ab 1893 lebte Most mit der Anarchistin Helene Minkin zusammen, sie bekamen zwei Söhne. 1894 gründete er in New York eine „Freie Bühne“ und spielte selbst in Gerhart Hauptmanns „Die Weber“. Nach dem Attentat auf Präsident McKinley 1901 wurde er wegen eines Artikels verhaftet, der zufällig zur selben Zeit erschien, und kam erst 1903 wieder frei.

Am 17. März 1906 starb er auf einer Vortragsreise in Cincinnati an den Folgen einer Hautinfektion. Zwei Wochen später versammelten sich Tausende im Grand Central Palace in Manhattan, wo in fünf Sprachen Reden auf ihn gehalten wurden.

Auf einen Blick

Geboren
5. Februar 1846 in Augsburg
Gestorben
17. März 1906 in Cincinnati (USA)
Beruf
Buchbinder, Redakteur, Reichstagsabgeordneter (1874, 1877)
Zeitung
„Freiheit“, ab 1879 in London, ab 1882 in New York
Wichtige Schriften
Kapital und Arbeit (1873), Revolutionäre Kriegswissenschaft (1885), Die Gottespest, Memoiren (1903–1907)

Selbst lesen

Quellen