London, 1894. Pietro Gori und Pjotr Kropotkin suchen einen Freund und finden ihn auf einer Leiter an einer Hauswand. Errico Malatesta schlägt mit Hammer und Meißel ein Loch in die Mauer, damit dort das Schild einer Firma hängen kann. So erzählte es Gori später dem Biografen Luigi Fabbri, und die Szene passt zu einem Mann, der das Handwerk des Elektromechanikers gelernt hatte. Er wollte vom eigenen Lohn leben und nicht von Geldern der Bewegung, damit niemand seine Agitation für ein Geschäft halten konnte.
Ein Arzt wurde er nicht
Geboren wurde er im Dezember 1853 in Santa Maria Capua Vetere bei Neapel, als Sohn eines Großgrundbesitzers. In Neapel begann er Medizin zu studieren, brach aber ab. 1871 schloss er sich der Internationale an, ein Jahr später war er beim antiautoritären Kongress in Saint-Imier und traf Michail Bakunin in Zürich. Sein Erbteil gab er, so Fabbri, für die Propaganda und an Arme weg.
Im April 1877 zog er mit einer kleinen bewaffneten Gruppe in das Matese-Gebirge, um einen Bauernaufstand anzustoßen. Die Gruppe wurde gefasst und landete im Gefängnis von Benevento, bis ein Gericht die Beteiligten 1878 freisprach. Die Aktion folgte der Idee der „Propaganda der Tat“, die ein Kongress der italienischen Internationalisten 1876 gebilligt hatte.
„Anarchie ist ein Wort, das aus dem Griechischen kommt und streng genommen „ohne Regierung“ bedeutet: der Zustand eines Volkes ohne jede verfasste Autorität.“ Anarchie, 1891 · sinngemäß übersetzt
Ausgewiesen, verhaftet, wieder da
Danach war Exil der Normalfall: 1882 ging er nach Ägypten, um den Aufstand unter Urabi Pascha zu unterstützen, und wurde von den Briten festgenommen. Ende 1884 floh er nach Argentinien, gab dort die Zeitung „La Questione sociale“ heraus und kehrte erst 1889 nach Europa zurück. Ebenfalls 1884 erschien sein Dialog „Fra contadini“, ein Gespräch unter Bauern, das sehr weite Verbreitung fand.
1891 schrieb er „L’Anarchia“, seine bekannteste Schrift, und im Januar desselben Jahres organisierte er den Kongress von Capolago mit, einen ersten Versuch, die italienischen Anarchist:innen landesweit zu verbinden. Kurz darauf saß er in Lugano zwei Monate in Haft und wurde aus der Schweiz ausgewiesen.
In London stellte er sich Anfang der 1890er Jahre gegen die terroristische Strömung in der Bewegung. Er hielt Organisation für unverzichtbar und stritt 1907 auf dem Kongress in Amsterdam mit den revolutionären Syndikalisten. Ab 1897 gab er in Ancona die Wochenzeitung „L’Agitazione“ heraus. Die Folge waren Prozess und Verbannung auf die Inseln Ustica und Lampedusa, von wo er im April 1899 floh. Im Juni 1914 war er in Ancona an der „Settimana rossa“ beteiligt. Der Aufstand scheiterte.
Umanità Nova
Im Dezember 1919 kehrte er nach Italien zurück. Anfang 1920 übernahm er in Mailand die Tageszeitung „Umanità Nova“, die etwa 50.000 Exemplare erreichte. Als Metallarbeiter im selben Jahr ihre Fabriken besetzten, drängte er auf bewaffnete Verteidigung der Betriebe. Rückblickend schrieb er 1924, die Massen seien mit den Anarchist:innen gewesen, weil diese ihre Bedürfnisse am besten ausgedrückt hätten. Für die Niederlage machte er die Gewerkschaftsführung, die Sozialistische Partei und die eigene Schwäche verantwortlich.
Im Oktober 1920 wurde er nach einer Rede in Bologna verhaftet. Im März 1921 trat er mit Mitgefangenen in den Hungerstreik und brach ihn ab, als individualistische Anarchisten im Mailänder Teatro Diana eine Bombe zündeten, die ein Blutbad anrichtete. Im Juli 1921 sprach ihn ein Schwurgericht in Mailand frei.
Rom, unter Bewachung
1924 gründete er die Zeitschrift „Pensiero e Volontà“, die 1926 unter den faschistischen Ausnahmegesetzen eingestellt werden musste. Im November 1926 verwüsteten Faschisten nachts eine Werkstatt, in der er arbeitete. Seine letzten Jahre verbrachte er in Rom, Tag und Nacht von der Polizei überwacht. Er starb dort am 22. Juli 1932, an seiner Seite seine Gefährtin Elena Melli.
Auf einen Blick
- Geboren
- Dezember 1853 in Santa Maria Capua Vetere (Kampanien)
- Gestorben
- 22. Juli 1932 in Rom
- Beruf
- Elektromechaniker
- Wichtige Schriften
- Fra contadini (1884), L’Anarchia (1891)
- Zeitungen
- L’Agitazione (1897), Volontà (1913), Umanità Nova (1920), Pensiero e Volontà (1924–1926)
Selbst lesen
Quellen
- Giampietro Berti: Malatesta, Errico. Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 68 (2007), Treccani
- Christian Koller: Malatesta, Errico. Historisches Lexikon der Schweiz
- Luigi Fabbri: Life of Malatesta (engl. Übers.), The Anarchist Library
- Errico Malatesta: Anarchy, übers. von Vernon Richards (Freedom Press), Marxists Internet Archive
- Errico Malatesta: The Occupation of the Factories (1924), aus: Life and Ideas, hg. von Vernon Richards