Siebdruck-Porträt von Élisée Reclus

1830–1905 · Frankreich

Élisée Reclus

Geograph & früher Ökologe

2 Minuten Lesezeit

Élisée Reclus trug noch Kinderkleider, als man ihn zum Dorfmetzger schickte. Er wog damals, so erinnerte er sich, kaum mehr als eines der Lämmer, die dort jeden Morgen geschlachtet wurden. Zitternd stand er im blutigen Hof, unfähig weiterzugehen und zu verängstigt, um davonzulaufen. Männer mit großen Messern gingen hin und her und wischten die Klingen an ihren Kitteln ab. Die Szene steht in einem Aufsatz über den Vegetarismus, den er 1901 mit siebzig Jahren veröffentlichte.

Rinder und Menschen

Der Text erschien im Januar 1901 in der englischen „Humane Review“. Reclus schreibt darin, das frühe Grauen vor dem Schlachten habe ihn schon als kleinen Jungen zum Vegetarier gemacht, zumindest der Anlage nach. Mit Blick auf den Krieg europäischer Mächte in China zieht er eine Linie vom Schlachthof zum Schlachtfeld: Das Töten des Rindes erleichtere den Mord am Menschen. Eine neue Religion wollte er daraus ausdrücklich nicht machen. Salat, Kohl und Spargel werde er weiter ernten, Eier, Getreide und Früchte empfahl er als Nahrung, für die kein Tier sterben muss.

„Die Geographie ist nichts anderes als die Geschichte im Raum, so wie die Geschichte die Geographie in der Zeit ist.“ Der Mensch und die Erde, Bd. 1, 1905 · sinngemäß übersetzt

Exil mit einundzwanzig

Reclus wurde am 15. März 1830 in Sainte-Foy-la-Grande in der Gironde geboren. Der Vater war calvinistischer Pfarrer, Élisée eines von vierzehn Kindern. 1842 kam er an die Schule der Herrnhuter Brüdergemeine in Neuwied am Rhein. Ein späteres Theologiestudium in Montauban endete nach wenigen Monaten mit dem Ausschluss, auch wegen seiner republikanischen Haltung. 1851 hörte er in Berlin den Geographen Carl Ritter.

Nach dem Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 floh er mit seinem Bruder Élie nach London, später ging er nach Irland. Ab 1853 lebte er in Louisiana, arbeitete bei New Orleans als Hafenarbeiter und Hauslehrer und erlebte die Sklaverei aus der Nähe. Danach verbrachte er etwa anderthalb Jahre in Kolumbien, wo er eine Pflanzung aufbauen wollte. 1857 kehrte er nach Frankreich zurück.

Kommune und Kriegsgericht

In Paris schrieb er für den Verlag Hachette die zwei Bände „La Terre“ (1868/69), dazu die „Histoire d’un ruisseau“, die Geschichte eines Bachs. Während der Belagerung von Paris 1870 ging er zur Armee, unter der Kommune diente er in der Nationalgarde. Anfang April 1871 geriet er in Gefangenschaft, und im November verurteilte ihn ein Kriegsgericht zur Deportation nach Neukaledonien. Wissenschaftler im Ausland setzten sich mit einer Bittschrift für ihn ein. Am 3. Februar 1872 wurde die Strafe in zehn Jahre Verbannung umgewandelt.

Neunzehn Bände

Die Verbannung verbrachte Reclus mit seiner Familie in der Schweiz, wo er sich der Juraföderation anschloss. Von 1876 bis 1894 erschien dort Band um Band seine „Nouvelle Géographie universelle“, insgesamt neunzehn. Die Vorstellung „minderwertiger Rassen“ lehnte er darin ab, die Vernichtung indigener Völker Amerikas prangerte er an, und er kritisierte den europäischen Imperialismus und die Anhänger von Malthus. Zugleich vertraute er auf Evolution und technischen Fortschritt und benutzte Begriffe wie „Rasse“, weshalb in der Forschung umstritten ist, wie weit seine Kritik am Kolonialismus reichte. 1879 wurde er begnadigt, bis 1892 blieb er dennoch in Clarens am Genfersee.

Im selben Jahr bot ihm die Freie Universität Brüssel eine Professur an und zog das Angebot wieder zurück. Reclus lehrte darauf ab 1894 an der neu gegründeten Université nouvelle in Brüssel vergleichende Geographie. Sein letztes Werk, „L’Homme et la Terre“, begann 1905 zu erscheinen. Die übrigen Bände betreute sein Neffe Paul Reclus. Élisée Reclus starb in der Nacht zum 4. Juli 1905 in Torhout in Belgien.

Auf einen Blick

Geboren
15. März 1830 in Sainte-Foy-la-Grande (Gironde)
Gestorben
4. Juli 1905 in Torhout (Belgien)
Exil
1851–1857 England, Irland, Louisiana, Kolumbien; nach der Kommune Verbannung in die Schweiz
Wichtige Schriften
La Terre (1868/69), Histoire d’un ruisseau (1869), Nouvelle Géographie universelle (19 Bände, 1876–1894), L’Homme et la Terre (ab 1905)

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Quellen