Am 3. Mai 1849 brach in Dresden ein Aufstand aus, und unter seinen Anführern war ein Russe, der erst im April in die Stadt gekommen war. Nach sechs Tagen war der Aufstand niedergeschlagen. Michail Bakunin floh mit dem Komponisten Richard Wagner und einem Mitstreiter namens Heubner nach Chemnitz. Dort wurden Bakunin und Heubner verhaftet, während Wagner sich bei seiner Schwester versteckte und entkam. Für Bakunin begannen acht Jahre Haft in Sachsen, Österreich und Russland.
Ein Franzose namens Elysard
Bakunin wurde am 30. Mai 1814 in Prjamuchino im Gouvernement Twer geboren, in eine Familie des russischen Landadels. Mit fünfzehn trat er in die Artillerieschule in Sankt Petersburg ein, 1832 wurde er Offizier, 1835 nahm er den Abschied. In Moskau studierte er Philosophie und übersetzte Fichte, 1840 ging er nach Berlin und geriet dort unter den Einfluss Ludwig Feuerbachs und der Junghegelianer.
1842 zog er nach Dresden. Im Oktober erschien in den „Deutschen Jahrbüchern“ sein Aufsatz „Die Reaktion in Deutschland. Ein Fragment von einem Franzosen“, gezeichnet mit dem erfundenen Namen Jules Elysard. Er endet mit dem Satz, der seither an Bakunin hängt: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“
„Ich bin nur dann wirklich frei, wenn alle Menschen um mich herum, Männer und Frauen, ebenso frei sind.“ Gott und der Staat, 1870/71 · sinngemäß übersetzt
Festungen und eine Weltreise
Ab 1844 lebte er in Paris, wo er Proudhon und Marx kennenlernte. Weil er im November 1847 bei einem Bankett zum Jahrestag des polnischen Aufstands die russische Regierung angriff, wurde er aus Frankreich ausgewiesen. 1848 nahm er an der Februarrevolution in Paris teil, im Juni dann am Slawenkongress und am Aufstand in Prag.
Nach Dresden folgten die Urteile. Auf der Festung Königstein wurde er im Januar 1850 zum Tod verurteilt, die Strafe dann in lebenslange Haft umgewandelt. Sachsen lieferte ihn an Österreich aus, wo er in Olmütz erneut ein Todesurteil erhielt, das ebenfalls umgewandelt wurde. 1851 kam er nach Russland in die Peter-und-Paul-Festung und schrieb dort eine Beichte an Zar Nikolaus I. In der Festung Schlüsselburg verlor er durch Skorbut die Zähne.
1857 wurde die Haft in lebenslange Verbannung nach Sibirien umgewandelt. 1858 heiratete er die junge Polin Antonia Kwiatkowska und zog nach Irkutsk. Im Juni 1861 floh er nach Nikolajewsk, gelangte mit einem amerikanischen Handelsschiff nach Hakodate und reiste über Yokohama, San Francisco und New York weiter. Am 27. Dezember 1861 kam er in London an.
Streit um die Internationale
In Italien entwickelte Bakunin seine Vorstellung vom Anarchismus: Abschaffung des Staates und eine Gesellschaft, die nach dem Prinzip freier Assoziation und Föderation geordnet ist. 1868 trat er der Genfer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation bei und gründete die Allianz der sozialistischen Demokratie. Auf dem Basler Kongress 1869 forderte er die Kollektivierung des Bodens und die Abschaffung des Erbrechts. Im selben Jahr begann er, den ersten Band von Marx’ „Kapital“ zu übersetzen.
Der Generalrat in London stellte sich mit Marx gegen ihn. Im September 1872 wurden Bakunin und seine Gefährten auf dem Kongress in Den Haag ausgeschlossen, wenige Tage später trafen sich die Föderationen, die das nicht hinnahmen, in Saint-Imier. In „Staatlichkeit und Anarchie“ (1873) warnte er vor einer Regierung ehemaliger Arbeiter. Diese würden nicht mehr das Volk vertreten, sondern nur sich selbst und ihren Anspruch, über das Volk zu herrschen.
Bakunins Antisemitismus
Bakunin war Antisemit. Sein Judenhass durchzieht seine Schriften ab 1869 und er ist durch nichts zu entschuldigen. Als Irrtum seiner Zeit lässt er sich auch nicht abtun, denn schon Zeitgenossen haben ihm widersprochen.
Er sprach jüdischen Menschen als ganzer Gruppe die Menschlichkeit ab. Er nannte sie ein Volk von Blutsaugern, erklärte sie für von Natur aus autoritär und ausbeuterisch und verbreitete die Erzählung von einer weltweiten jüdischen Verschwörung. Marx und Rothschild stellte er als Einheit dar, den Streit in der Internationale erklärte er öffentlich zum Werk „deutscher und russischer Juden“. Um private Entgleisungen handelt es sich nicht, denn solche Stellen stehen auch in „Staatlichkeit und Anarchie“ und im Archivtext „Gott und der Staat“.
Sein Freund Alexander Herzen fragte schon damals, wozu all das Gerede von Rasse und Juden gut sein solle, und der spanische Anarchist Anselmo Lorenzo sah darin einen Verstoß gegen die eigenen Grundsätze. Bakunin forderte die Freiheit aller Menschen und nahm jüdische Menschen davon aus. Damit brach er mit dem eigenen Anspruch.
Seine Kritik am Staat steht in diesem Archiv, weil sie die Geschichte des Anarchismus geprägt hat. Sie ändert nichts an diesem Urteil.
Die letzten Jahre
Seine letzten Jahre verbrachte Bakunin im Tessin, krank, verarmt und mit Vorwürfen der Veruntreuung belastet. Im Juli 1874 schloss er sich in Bologna einem geplanten Aufstand an, der scheiterte, und kehrte verkleidet in die Schweiz zurück. 1875 kam er krank nach Bern ins Spital. Er starb dort am 1. Juli 1876.
Auf einen Blick
- Geboren
- 30. Mai 1814 in Prjamuchino, Gouvernement Twer
- Gestorben
- 1. Juli 1876 in Bern
- Haft
- 1849–1857 in Sachsen, Österreich und Russland, danach Verbannung in Sibirien bis zur Flucht 1861
- Wichtige Schriften
- Die Reaktion in Deutschland (1842), Föderalismus, Sozialismus und Antitheologismus (1867), Staatlichkeit und Anarchie (1873), Gott und der Staat (posthum)
Selbst lesen
Quellen
- Bakunin, Michail, in: Historisches Lexikon der Schweiz (Version 2009)
- Chronology of Michael Bakunin’s Life, Anarchy Archives, Pitzer College
- Jules Elysard [Bakunin]: Die Reaktion in Deutschland, Deutsche Jahrbücher 5 (1842), Digitalisat MDZ München
- Bakounine: Dieu et l’État (extrait du manuscrit inédit), Œuvres Bd. 1, Stock 1895 (Wikisource)
- Bakunin: Statism and Anarchy (1873), übers. von Sam Dolgoff, Marxists Internet Archive
- Frederik Fuß: Anarchismus, Zionismus und Antisemitismus, CARS Working Paper 039, KatHO NRW 2025
- Zoe Baker: Bakunin was a Racist, 2021 (The Anarchist Library)