Im fünften Kapitel von „Was ist das Eigentum?“ steht ein kurzes Verhör. Ein Gesprächspartner fragt den Verfasser der Reihe nach, ob er Demokrat sei, Monarchist, Aristokrat oder Anhänger einer gemischten Regierung, und jedes Mal lautet die Antwort Nein. Als er schließlich wissen will, was der Mann denn sei, kommt der Satz: „Ich bin Anarchist.“ Der Frager hält das für eine Spitze gegen die Regierung. Pierre-Joseph Proudhon besteht darauf, es sei sein ernstes Bekenntnis, er sei bei aller Liebe zur Ordnung Anarchist im vollen Sinn des Wortes. Das Buch erschien 1840.
Holzschuhe und Bleisatz
Proudhon kam am 15. Januar 1809 in Battant zur Welt, einem ärmeren Viertel von Besançon am Doubs. Der Vater war Küfer, braute zeitweise Bier und hatte geschäftlich wenig Glück, und der Junge hütete bis zum zwölften Lebensjahr vor allem Vieh. Mit einem Stipendium kam er an das Collège royal der Stadt, wo er in Holzschuhen ging und sich die Schulbücher bei Mitschülern aus besseren Familien lieh.
1828 arbeitete er als Schriftsetzer. In den Druckereien von Besançon wurde viel Theologie gesetzt, und Proudhon lernte nebenbei Hebräisch. Eine eigene Druckerei, die er ab 1836 mit Freunden betrieb, hinterließ ihm vor allem Schulden. 1838 erhielt er die Pension Suard, ein Stipendium der Akademie von Besançon, und hörte damit in Paris Vorlesungen, unter anderem bei dem Historiker Jules Michelet.
„Schafft das Eigentum ab und erhaltet den Besitz.“ Was ist das Eigentum?, 1840 · sinngemäß übersetzt
Besitz ja, Eigentum nein
Das erste Kapitel des Buchs von 1840 beginnt mit einem Vergleich: Wer auf die Frage, was Sklaverei sei, mit dem Wort Mord antworte, werde sofort verstanden. Ebenso, schreibt Proudhon, müsse man auf die Frage nach dem Eigentum antworten dürfen, es sei Diebstahl. Der Satz wurde bekannter als das Buch, obwohl erst das Ende zeigt, worauf es ihm ankam. Der individuelle Besitz sei die Bedingung des gesellschaftlichen Lebens, das Eigentum dagegen der Selbstmord der Gesellschaft. Abschaffen wollte er also das Eigentum, den Besitz wollte er erhalten.
1846 gab er seinem Gegenmodell den Namen Mutualismus, im selben Jahr erschien sein „System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends“. Karl Marx antwortete 1847 mit einer eigenen Streitschrift, „Das Elend der Philosophie“, die in Paris und Brüssel gedruckt wurde.
Frauenfeindlichkeit und Judenhass
In „Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“ (1858) erklärte Proudhon Frauen für körperlich, geistig und moralisch unterlegen. Ihren Platz sah er im Haushalt unter der Autorität des Mannes, und er ließ für sie nur Hausfrau oder Kurtisane gelten. Das ist blanke Frauenfeindlichkeit, und Zeitgenossinnen haben ihm offen widersprochen. Jeanne Deroin, die für die politische Gleichheit der Frauen kämpfte, hielt ihm schon im Januar 1849 entgegen, dass eine Familie auf der Grundlage von Ungleichheit auch die Gesellschaft ungleich hält. Als die Hebamme und Feministin Jenny P. d’Héricourt seine Lehre 1856 angriff, lehnte er eine Debatte ab, weil ihr angeblich das geistige Vermögen dazu fehle. Gizem Sozen nennt sein Modell in ihrer Dissertation von 2022 einen „Anarchismus der Patriarchen“: Die Freiheit des einzelnen Mannes beruhte bei ihm auf der Herrschaft über Frauen.
Genauso unerträglich ist sein Antisemitismus. Am 26. Dezember 1847 forderte er in seinem Notizbuch, jüdische Menschen aus Frankreich zu vertreiben, die Synagogen zu verbieten und diese „Rasse“ nach Asien zurückzuschicken oder auszurotten. Das Notizbuch erschien erst ab 1960, aber der Historiker Frédéric Krier zeigt, dass die meisten judenfeindlichen Stellen in Büchern stehen, die Proudhon zu Lebzeiten drucken ließ.
Beides gehört zu seinem Denken. Wir führen ihn hier, weil sein Werk die Geschichte des Anarchismus geprägt hat, als Vorbild taugt er nicht.
Volksbank und Gefängnis
Im Februar 1848 war Proudhon beim Aufstand in Paris dabei. Bei der Wahl im April scheiterte er, bei den Nachwahlen im Juni kam er in die Verfassunggebende Nationalversammlung. Die Volksbank, die Banque du peuple, die er Anfang 1849 gründete, ging rasch zugrunde.
Wegen Zeitungsangriffen auf den Präsidenten Louis-Napoléon Bonaparte wurde er 1849 zu drei Jahren Haft verurteilt, in denen er vier Bücher schrieb. Im Dezember 1849 heiratete er, noch als Gefangener, die 27-jährige Euphrasie Piégard, mit der er vier Töchter bekam.
1858 brachte ihm sein Werk „Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“ erneut drei Jahre Haft und 4000 Francs Strafe ein. Er floh nach Brüssel und unterrichtete dort unter dem Namen Durfort Mathematik. Nach seiner Begnadigung kehrte er im September 1862 zurück und zog nach Passy bei Paris, wo 1863 noch „Über das föderative Prinzip“ entstand. Proudhon starb am 19. Januar 1865 in Passy.
Auf einen Blick
- Geboren
- 15. Januar 1809 in Besançon
- Gestorben
- 19. Januar 1865 in Passy bei Paris
- Beruf
- Schriftsetzer und Drucker, später Publizist; 1848/49 Abgeordneter
- Wichtige Schriften
- Was ist das Eigentum? (1840), System der ökonomischen Widersprüche (1846), Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche (1858), Über das föderative Prinzip (1863)
Selbst lesen
Quellen
- Proudhon’s Biographical Information (Chronologie), Anarchy Archives, Pitzer College
- K. Steven Vincent: Proudhon, Pierre-Joseph, in: Encyclopedia of Modern Europe 1789–1914 (Encyclopedia.com)
- D. W. Brogan: Proudhon, London 1934, Kap. 1 (Anarchy Archives)
- Proudhon: Qu’est-ce que la propriété?, Kap. 1 und 5, Ausgabe Garnier 1849 (Wikisource)
- Dominique F. Miething: Antisemitism in the anarchist tradition, Anarchist Studies 26.1 (2018)
- Caroline Arni: „La toute-puissance de la barbe“. Jenny P. d’Héricourt et les novateurs modernes, Clio 2001 (edoc Universität Basel)
- Proudhon: Notizbucheintrag vom 26. Dezember 1847, Carnets, Paris 1960 (engl. Übersetzung von Mitchell Abidor)
- Jeanne Deroin: Brief an Proudhon, L’Opinion des Femmes, 28. Januar 1849
- Gizem Sozen: „The Straight Path That Leads to Sodom“. Proudhon’s Sexual Politics and 19th Century French Feminist Responses, Dissertation, University of Victoria 2022
- Manuskript von „De la Justice dans la Révolution et dans l’Église“, Bibliothèque nationale de France (Kapitel zur „infériorité“ der Frau)