Antimilitarismus · Werk-Einführung

Krieg dem Kriege

Ernst Friedrichs Bildband von 1924 stellt dem heroischen Kriegsbild die ungeschminkte Wirklichkeit entgegen und ist bis heute ein Schlüsselwerk des antimilitaristischen Pazifismus.

Wenige Bücher haben den Krieg so radikal beim Wort genommen wie Ernst Friedrichs „Krieg dem Kriege", erschienen 1924 in Berlin. Es ist kein Buch im üblichen Sinn, sondern ein Bildband: Über 180 Fotografien, gesammelt aus militärischen und medizinischen Archiven, zeigen, was vom Ersten Weltkrieg übrig blieb, als die Paraden vorbei und die Denkmäler noch nicht errichtet waren. Friedrich wollte nicht über den Krieg reden, sondern ihn zeigen, in einer Drastik, die den verklärenden Erzählungen seiner Zeit nichts mehr ließ.

Entstanden ist das Werk in einer Phase, in der Deutschland sich politisch neu sortierte und gleichzeitig die Erinnerung an den Krieg umgeschrieben wurde. Während nationalistische Kreise den Massentod der Jahre 1914 bis 1918 zum Heldenopfer verklärten, hielt Friedrich dagegen. Als überzeugter Pazifist, Antimilitarist und Anarchist sah er in dieser Verklärung die eigentliche Gefahr: Wer den Krieg schön rede, bereite den nächsten vor. Sein Buch sollte ein Gegengift sein, ein Bruch mit der gewohnten Bildsprache von Fahnen, Orden und Tapferkeit.

Der Kern seiner Methode ist einfach und bis heute verstörend wirksam. Friedrich konfrontiert die Leserinnen und Leser mit Bildern zerstörter Gesichter, verstümmelter Körper, von Massengräbern und Hingerichteten, mit der Realität von Schützengräben und Lazaretten. Begleitet werden die Aufnahmen von knappen, oft bitter ironischen Bildunterschriften, die er in vier Sprachen abdruckte, damit das Werk über Grenzen hinweg verstanden werde. Aus dem Zusammenspiel von Bild und Kommentar entsteht eine Anklage, die ohne lange Argumentation auskommt: Die Wirklichkeit selbst soll sprechen.

Inhaltlich verfolgt Friedrich mehrere ineinandergreifende Gedanken. Erstens entlarvt er die Sprache, mit der Krieg gewöhnlich beschrieben wird, als Beschönigung; Begriffe wie Ehre, Heldentum und Vaterland werden ihrer pathetischen Hülle entkleidet und an den tatsächlichen Folgen gemessen. Zweitens macht er sichtbar, dass die Lasten des Krieges ungleich verteilt sind: Es sind die einfachen Soldaten und die Zivilbevölkerung, die bluten, während andere profitieren. Drittens versteht er Antimilitarismus nicht als bloße Stimmung, sondern als praktische Aufgabe, die jede neue Aufrüstung und Kriegsbegeisterung im Keim stören will.

Der Aufbau folgt dieser Absicht. Das Buch beginnt mit der Inszenierung des Krieges, mit Uniformen, Aufmärschen und der Begeisterung der Anfangstage, und führt von dort schrittweise in die Zerstörung hinein. Es zeigt den Alltag an der Front, die Verwundeten und Toten, die zerstörten Landschaften und schließlich die Überlebenden mit ihren bleibenden Verletzungen. Diese Dramaturgie ist bewusst gewählt: Der Weg vom heroischen Versprechen zur körperlichen und seelischen Ruine ist zugleich das Argument des Werks.

Die Wirkung war beträchtlich und blieb umstritten. „Krieg dem Kriege" erreichte innerhalb weniger Jahre zahlreiche Auflagen und wurde in viele Sprachen übersetzt. Behörden reagierten mit Verboten und Beschlagnahmungen, in einigen Orten gingen Polizeikräfte gegen Buchhandlungen vor. Trotzdem verbreitete sich das Werk international und wurde zu einem festen Bezugspunkt der Friedensbewegung. 1925 eröffnete Friedrich in Berlin das Anti-Kriegs-Museum, das die Bilder in einen dauerhaften Rahmen stellte und die Idee des Buches in einen Ort übersetzte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Friedrich verfolgt, sein Museum zerstört, er selbst musste ins Exil. Doch sein Ansatz überdauerte: Die Vorstellung, dass dokumentarische Fotografie eine politische Kraft sein kann, dass das ungeschönte Bild des Leids stärker wirkt als jede Rede, prägte spätere Antikriegs- und Friedensarbeit nachhaltig. Bis in die Gegenwart wird das Werk in neuen Ausgaben herausgegeben und in Ausstellungen aufgegriffen, das wiedergegründete Anti-Kriegs-Museum führt seine Arbeit fort.

Aus heutiger Sicht ist „Krieg dem Kriege" zugleich historisches Dokument und bleibende Mahnung. Es erinnert daran, wie schnell Gewalt zur Normalität erklärt wird und wie wichtig es ist, dem Bilderkrieg ein anderes Bild entgegenzusetzen. Gerade in einer Zeit, in der Kriegsbilder allgegenwärtig und zugleich oft glattgeschliffen sind, behält Friedrichs Frage ihre Schärfe: Was sehen wir eigentlich, wenn vom Krieg die Rede ist, und wer hat ein Interesse daran, dass wir das Wahre nicht sehen?

Die Lektüre lohnt sich für alle, die sich mit Antimilitarismus, Pazifismus und der Geschichte der Friedensbewegung beschäftigen, ebenso für Interessierte an der politischen Fotografie und an der Erinnerungskultur des Ersten Weltkriegs. Wer das Werk aufschlägt, sollte wissen, dass die Bilder bewusst verstörend sind. Genau darin liegt ihre Absicht, und genau deshalb ist Friedrichs Anklage ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen so wenig verblasst.

ca. 90 Min. Lesezeit

Beim Internet Archive  ›

Dieses Werk ist noch urheberrechtlich geschützt – hier kannst du es beziehen.

Beim Internet Archive Quelle: https://archive.org/details/kriegdemkriegene0000frie
Zurück zum Textarchiv Mehr über die Menschen