Geschichte · Eine oft vergessene Tradition

Anarchismus in Deutschland

Zwischen Druckerpressen und Genossenschaften, Räterepublik und Basisgewerkschaft: Deutschland hat eine reiche anarchistische Geschichte, die kaum jemand kennt. Eine Spurensuche von 1848 bis heute – und ein Blick auf eine Bewegung, die lebendiger ist, als man denkt.

Wenn von Anarchismus die Rede ist, denken viele an Spanien, an Russland oder an die großen Theoretiker aus Frankreich. Doch auch in Deutschland gibt es eine erstaunlich tiefe, oft übersehene Tradition herrschaftsfreien Denkens und Handelns. Sie reicht von den Aufbrüchen des 19. Jahrhunderts über eine kurze, kühne Räterepublik bis zu Basisgewerkschaften und Nachbarschaftsprojekten, die heute mitten unter uns wirken. Diese Geschichte verdient es, erzählt zu werden – denn sie macht Mut.

Frühe Wurzeln: Vormärz, 1848 und die „Freiheit"

Die Anfänge liegen im gärenden 19. Jahrhundert. Im Vormärz und in der Revolution von 1848 stritten Demokrat:innen, frühe Sozialist:innen und Freidenker:innen über die Frage, wie ein Leben in Freiheit aussehen könnte. Aus diesem Milieu wuchs auch ein eigenständiger libertärer Strang heran, der nicht auf einen starken Staat, sondern auf freie Vereinigung setzte.

Eine prägende Figur war Johann Most (1846–1906). Der Buchbinder und glänzende Redner gab ab 1879 die Zeitung „Freiheit" heraus – eines der bekanntesten anarchistischen Blätter seiner Zeit. Weil ihm in Deutschland und in England Verfolgung drohte, führte ihn sein Weg, wie den vieler anderer, in die USA, wo deutschsprachige Arbeiter:innen eine lebendige anarchistische Presse- und Vereinslandschaft aufbauten. Schon früh zeigt sich hier ein Muster: Repression im eigenen Land, Aufbruch und Vernetzung über Grenzen hinweg.

Gustav Landauer: Anarchismus als gelebte Gemeinschaft

Eine ganz andere, leise und tiefgründige Stimme war Gustav Landauer (1870–1919). Für ihn war Anarchismus keine ferne Endschlacht, sondern etwas, das hier und jetzt beginnt: in Genossenschaften, in Siedlungen, in Kultur und gelebter Gemeinschaft. „Der Staat", schrieb er, sei kein Ding, das man stürmen könne, sondern „ein Verhältnis" zwischen Menschen – das man verändert, indem man andere Beziehungen eingeht. Diese Idee, den freien Bund von unten aufzubauen statt auf die große Umwälzung zu warten, klingt bis heute nach.

1919 wurde Landauer in die Wirren der Revolution gezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Sturz der Monarchie entstand in Bayern eine kurzlebige Münchner Räterepublik – ein Experiment direkter Selbstverwaltung. Landauer übernahm Verantwortung für Bildung und Kultur. An seiner Seite stand der Dichter und Bohemien Erich Mühsam (1878–1934), der den Aufbruch mit Witz, Versen und unermüdlichem Engagement begleitete.

Große Menschenmenge bei einer Demonstration auf einem Münchner Platz, 1919
Demonstration in München, 1919 – dem Jahr der Münchner Räterepublik.Foto: unbekannt, gemeinfrei · Wikimedia Commons

Das Experiment währte nur wenige Wochen. Truppen der Reichswehr und rechte Freikorps schlugen die Räterepublik blutig nieder. Gustav Landauer wurde im Mai 1919 ermordet – erschlagen von Soldaten in München. Mit ihm verlor die Bewegung einen ihrer feinsinnigsten Köpfe. Doch seine Idee, dass eine neue Welt im Alltag heranreift, überlebte ihn.

„Der Staat ist ein Verhältnis, eine Beziehung zwischen den Menschen … man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält." Gustav Landauer, 1910

Der Anarchosyndikalismus und die FAUD

Parallel zu Landauers kulturellem Anarchismus wuchs eine kraftvolle Arbeiterbewegung heran: der Anarchosyndikalismus. Sein Gedanke war einfach und wirkungsvoll – die Arbeiter:innen sollten ihre Betriebe und ihr Leben selbst verwalten, organisiert in freien Basisgewerkschaften statt von oben gelenkten Apparaten. 1919 gründete sich die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Um 1920 zählte sie rund 100.000 Mitglieder – ein beachtlicher Beweis dafür, dass herrschaftsfreie Ideen breite Schichten erreichten.

Ihr wichtigster Theoretiker war Rudolf Rocker (1873–1958). In Werken wie „Nationalismus und Kultur" und „Anarchosyndikalismus" verband er die Kritik an Staat und Kapital mit einem warmherzigen Vertrauen in die schöpferischen Kräfte freier Menschen. An seiner Seite wirkte die Anarchafeministin Milly Witkop (1877–1955), die sich gegen die doppelte Unterdrückung von Frauen als Arbeiterinnen und als Frauen einsetzte und die Bewegung um eine feministische Stimme bereicherte. 1922 war Berlin sogar Geburtsort der wiederbegründeten anarchosyndikalistischen Internationale.

Der Bruch: Verfolgung im Nationalsozialismus

Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus brach die Katastrophe über die Bewegung herein. Ab 1933 wurden Gewerkschaften zerschlagen, Zeitungen verboten, Aktivist:innen verhaftet. Die FAUD ging in den Untergrund; viele ihrer Mitglieder leisteten Widerstand, halfen Verfolgten und schmuggelten Schriften – unter Lebensgefahr.

Porträtfoto von Erich Mühsam mit Bart und Brille, 1928
Der Dichter und Anarchist Erich Mühsam, 1928. 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet.Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1981-003-08 / CC BY-SA 3.0 DE · Wikimedia Commons

Erich Mühsam gehörte zu den ersten, die das Regime ins Visier nahm. Nach Jahren der Haft und Misshandlung wurde er 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Unzählige andere flohen ins Exil – nach Paris, Amsterdam, London, in die USA – oder kamen in den Lagern um. Eine gewachsene, vielfältige Bewegung wurde fast vollständig ausgelöscht. Es ist der dunkelste Bruch dieser Geschichte. Und doch erlosch die Idee nicht.

Wiederbelebung nach 1968 und die „Graswurzelrevolution"

Nach dem Krieg dauerte es eine Weile, bis libertäre Ideen wieder Boden fanden. Mit den Aufbrüchen um 1968 kam frischer Wind: Eine junge Generation entdeckte Selbstverwaltung, Basisdemokratie und Herrschaftskritik neu. Besonders prägend wurde ein gewaltfreier Anarchismus, der sich auf Vorbilder wie Tolstoi, Gandhi und Landauer berief und Konflikte ohne Gewalt austragen wollte.

Ein Herzstück dieser Strömung ist die Monatszeitung „Graswurzelrevolution", die seit 1972 erscheint. Sie verbindet Antimilitarismus, gewaltfreie Aktion und libertäre Ideen – und hat über Jahrzehnte Generationen von Aktivist:innen begleitet, von der Friedens- über die Anti-Atom- bis zur heutigen Klimabewegung.

Heute: lebendiger, als man denkt

Wer glaubt, der Anarchismus in Deutschland sei Geschichte, irrt. Heute gibt es eine ganze Landschaft an Projekten. Die FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) führt die anarchosyndikalistische Tradition als Basisgewerkschaft fort und unterstützt Beschäftigte in Arbeitskämpfen. Die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), Teil der Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA), vernetzt lokale Gruppen über Grenzen hinweg. Die jüngere Organisation „die plattform" bündelt anarchakommunistische Aktive in vielen Städten.

Daneben pflegen Orte wie die Bibliothek der Freien in Berlin das Gedächtnis der Bewegung – sie sammelt Bücher und Zeitschriften zur Geschichte des Anarchismus und macht sie zugänglich. In zahllosen Infoläden, Hausprojekten und Volxküchen wird gelebte Solidarität ganz praktisch: als Ort zum Lesen, Reden, Organisieren. Und in der Mutual-Aid- und Klimabewegung finden sich heute viele, die ohne großes Etikett genau das tun, was Landauer meinte: andere Beziehungen eingehen, von unten. Wer in die Nähe schauen möchte, findet Anlaufstellen auf unserer Seite Gruppen & Netzwerke.

So spannt sich ein Bogen über fast zwei Jahrhunderte: von Johann Mosts Druckerpresse über Landauers Genossenschaftsidee und die 100.000 der FAUD bis zu den Basisgewerkschaften und Nachbarschaftsnetzen von heute. Deutschland hat eine reiche, oft vergessene anarchistische Tradition – eine Geschichte voller Brüche, aber auch voller Hoffnung. Sie erinnert daran, dass Menschen sich immer wieder zusammengetan haben, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und sie lädt ein, diese Geschichte weiterzuschreiben.

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